Was ist anders, wenn man im Ausland lebt?

Oft werde ich gefragt: Was ist denn anders mit der Ehe, wenn man im Ausland lebt? Kinder werden auch im Herkunftsland krank. Einer der Partner kann auch in der Heimat sehr viel arbeiten. Termine werden auch dort verschoben und auch da kann es sein, dass man weit von der Familie entfernt wohnt und es keine Unterstützungsmöglichkeiten vor Ort gibt. Worin besteht die Besonderheit, wenn eine Familie ins Ausland umzieht?

Es gibt keine pauschale Antwort darauf. Was genau anders ist im Ausland, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Kommen Kinder mit oder geht ein Paar? In welchem Alter befinden sich die Kinder? Es macht einen großen Unterschied, ob es sich um ein Baby, drei Kleinkinder oder Kinder im Teenageralter handelt. Sind vielleicht Kinder vorhanden, die in Deutschland oder in einem anderen Land bleiben? All das hat auf eine andere Art und Weise Einfluss auf das Abenteuer Ausland.
  • Wie lange bleibt man im Ausland? Es macht ebenso einen Unterschied, ob man auswandert oder temporär begrenzt im Ausland bleibt. Geht man um zu bleiben, oder ist es geplant, nach zwei bis drei Jahren zurück ins Herkunftsland zu kommen?
  • Einen weiteren Einfluss darauf, wie sich die Zeit im Ausland gestaltet, hat das Land, in das man zieht. Alle klimatischen, kulturellen, institutionellen, sozialen und geografischen Faktoren, eigentlich alles, was das Leben auf irgendeine Weise beeinflusst, hat Einfluss auf die Familie und damit auch auf die Ehe.
  • Ebenso entscheidend ist das, was man als Familie oder Paar ins Ausland mitbringt. Wie sensibel reagieren die Einzelnen auf Veränderung? Wie stabil ist das System Familie? Welchen Umgang mit Stress haben die Einzelnen und welchen hat man gemeinsam gefunden? Welche Konfliktlösungsstrategien bringt man mit?

Aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren ergibt sich, wie das Abenteuer Ausland bewältigt wird und wie es sich auf die Familie und auf die Ehe auswirkt. Ich möchte an einem Beispiel erläutern, wie die verschiedenen Faktoren zusammenspielen können:

Ein Samstag im Juli. Wir waren zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Wir, das sind die Mama als Begleitperson, die Große (6 Jahre), der Mittlere (4 Jahre) und die Kleine (2 Jahre). Geburtstag hat der dreijährige Freund der Kleinen.    

Mit dem Konzept „Kindergeburtstag in den USA“ sind wir, nun ein Jahr hier lebend, hinreichend vertraut. Üblich ist es, alle Familien in einen Indoor-Spielplatz einzuladen. Am Eingang wird das Geschenk abgegeben. Dann gibt es 1 ½ Stunden Spiel und Spaß, anschließend 30 Minuten Zeit für Pizza und Cupcake. Nach zwei Stunden ist die Feier beendet.

An besagtem Samstag verhielt es sich anders. Da das Geburtstagskind erst drei Jahre alt wurde und außerordentlich gutes Wetter herrschte, wurden wir alle in den Garten eingeladen. Die Kinder sollten in Badebekleidung kommen, Water-Splash-Fun ist angekündigt worden. Ich freute mich, denn das klang nach einem vertrauten Konzept: Spielen im Garten bei Freunden. Wir hatten nun schon einige Verabredungen, aber Spielen im Garten bei Freunden haben wir nicht mehr gehabt, seit unser Flugzeug in Deutschland abgehoben ist.

Zur angegebenen Zeit standen wir vor dem Haus. Unsere Freunde haben Hunde. Meine Große betrat das Haus, wedelte mit ihrer Hand vor der Nase, rümpfte dieselbe und sprach es laut aus: Hier riecht es aber stark nach Hund. Alle schauten betreten zur Seite. „Kindermund tut Wahrheit kund“ gilt hauptsächlich in Deutschland. Wenn die vom Kindermund ausgesprochene Wahrheit allzu schmerzlich ist, wird in Deutschland aus Verlegenheit gelacht. Hier bemüht man sich sehr, es zu überhören. Daran merkt man, dass es tatsächlich ein Fauxpas ist: am bemühten nicht-Hinhören und nicht-Hinsehen. Ich war angespannt. Das war also kein gewohntes Skript, nach dem dieses Fest ablaufen würde, sondern ein gänzlich unbekanntes. Selbst für die anderen Gäste war dieses Setting ungewöhnlich, denn wie gesagt, üblich ist der Indoor-Spielplatz. Das erklärt, warum auch alle anderen etwas angespannt waren.

Beim Eintreten notierte ich bereits auf meiner inneren To-do-Liste: Mit der Großen über diesen Punkt sprechen. Wie, das wusste ich noch nicht, aber in irgendeiner Ecke meines Hirns fing es bereits an zu arbeiten.

Wir betraten an besagtem Samstag im Juli also das Haus, stellten das Geschenk ab und wurden direkt durch das Haus hindurch in den Garten geleitet. Meine Kinder erkundeten den Garten, fingen an zu spielen, holten ihre Badesachen, zogen sich um und sprangen durch die Wasserfontänen, so wie sie es kannten.

In Deutschland habe ich es so kennen gelernt, dass Verwandtschafts- und Kindergeburtstagsfeiern getrennt werden. Hier fällt meistens beides zusammen. Da das Geburtstagskind hauptsächlich Erwachsene Verwandte hat, kann das Bild im Garten wie folgt beschrieben werden: acht Erwachsene sitzen unter einem Pavillon neben den Spielgeräten und schauen zu, wie zehn Kinder im Garten spielen.

Meine Große gab den Alleinunterhalter. Mit vollem Eifer suchte sie nach möglichst vielen kreativen Varianten, wie man mit möglichst viel Spaß durch die Wasserfontänen hüpfen konnte. Die Augen der Erwachsenen wurden immer größer. Und wieder fiel mir auf: Wenn in Deutschland den Menschen irgendetwas leicht peinlich ist, fangen sie an zu lachen. Hier schaute man weg und schweigt, als würde man es nicht hören und sehen. Das war mir unangenehm. Durch das Schweigen fällt viel stärker auf, dass wir da eben eine Grenze überschritten haben, dass da etwas gesagt oder getan wurde, was man hier besser nicht sagt oder tut.

Durch die Blicke zur Seite und durch das Schweigen der Erwachsenen wurde ich aufmerksam. Meine Große überlegte gerade lautstark, wie schnell man wohl über die nasse Bahn rutschen könnte, wenn möglichst wenig Stoff am Hintern bremsen würde. Vielleicht wäre es am besten, man würde ohne Höschen rutschen? Wohlgemerkt, sie tat es nicht. Wir hatten sie ausführlich gebrieft. Selbst Babys dürfen nicht in der Öffentlichkeit gewickelt werden. Man darf auch nicht einmal blitzschnell eine Windel wegziehen und eine andere grad drumwickeln. Wenn ein Baby gewickelt werden muss und man zufällig alleine mit drei Kindern am Pool ist, muss man mit Sack und Pack in der Toilette verschwinden. Das ist hier ein großes Thema. Oder eben nicht, wenn öffentlich nicht darüber geredet wird. Mein Große ist sechs! In Deutschland würde niemand mit der Wimper zucken. Es wäre vielleicht unerheblich und niemand würde ihr zuhören oder man würde sich an der Kreativität und Wortgewandtheit des Kindes erfreuen.

Ich ließ meine Zweijährige neben der Rutsche stehen und holte meine Große aus der Situation, indem ich sie ablenkte. Kurz darauf entspannte sich die Situation etwas, aber gerade mochte keiner mehr durch das Wasser hüpfen.

Ich ging zurück zu meiner Zweijährigen. Sie stand friedlich neben der Rutsche und schaute sich das ganze Treiben an. Das wird bei uns in der Familie sehr positiv gewertet: einfach mal inne halten und beobachten, alle Eindrücke auf sich wirken lassen, schauen und aufnehmen. Das ist für mich ein Zeichen von innerer Ausgeglichenheit bei einem Kind.

Da im Abseits zu stehen und zu beobachten schien aber die ältere anwesende Generation zu beunruhigen. Eine Dame kam vorbei und mit den Worten: „Na, was möchtest du jetzt machen?“ setzte sie meine Kleine ganz unvermittelt auf die Rutsche, was gründlich schief ging. Da stand ich nun also mit meiner schreienden Kleinen neben der Rutsche. Als sie sich auf meinem Arm beruhigt hatte und wieder zufrieden beobachtend auf dem Rasen stand, kam eine andere Dame, stellte sich neben meine Tochter und sagte: „Das ist in Ordnung. Man muss sich nicht immer gleich entscheiden. Du wirst schon noch lernen, dich zu entscheiden. Das ist völlig in Ordnung, wenn man in deinem Alter nicht weiß, was man machen soll. Das ist in Ordnung.“ Erst da verstand ich, dass irgendetwas an dem, was wir da machten, gerade nicht in Ordnung war.

So ging es die zwei Stunden weiter. Und als wir schließlich ziemlich erschöpft im Auto saßen, versuchte ich meiner Tochter zu erklären, dass es für mich sehr wertvoll ist, wenn sie mir sagt, was sie denkt, dass es aber hier, wo wir wohnen, sehr wichtig ist, andere Menschen nicht traurig zu machen. Sie war sehr verständnisvoll. Keine fünf Minuten später fragte mein Mittlerer sie etwas, worauf sie antwortete: „Das kann ich dir jetzt nicht sagen, weil es dich traurig machen würde.“ Da hätte mir echt der Kragen platzen können. Das ist doch nicht das, was ich meinen Kindern beibringen will? Es ist ja schön, wenn man Rücksicht aufeinander nimmt, aber irgendwo geht das dann doch zu weit. Nur wie soll man das einer Sechsjährigen erklären? Wo hört überhaupt Rücksichtnahme auf und fängt Heuchelei an?

Was ich also durch die Kinder gerade immer wieder erlebe, basiert auf direkten Wertekonflikten. Durch die Kinder prallen die unterschiedlichen Welten permanent und radikal aufeinander. Das ist kein Drama. Aber es erfordert von mir eine permanente Aufmerksamkeit. Weil ich möchte, dass meine Kinder Freunde haben, stehe ich daneben und versuche auszugleichen, zu erklären und zu moderieren. Und ich weiß bis heute nicht genau, was da beim Geburtstag eigentlich alles unterbewusst passiert ist, ich kann nur versuchen, einiges davon auf der Grundlage meines derzeitigen Wissens zu erklären.

Mit den Normen und Werten, die man bereits als Kind beigebracht bekommt, verhält es sich so, dass sie, bis man erwachsen ist, derart selbstverständlich sind, dass man gar nicht mal mehr weiß, dass es bestimmte Werte sind, die einen dazu bringen, auf eine bestimmte Art und Weise etwas zu bewerten. Sie werden unbewusste Lenker unseres Urteilens über das, was wir sehen, und sie bestimmen unser Handeln. Das Verinnerlichen dieser Werte ist bis zum Eintritt in die Grundschule weitgehend abgeschlossen. Das bedeutet: Meine Kinder haben gerade unsere familiären und kulturellen Werte verinnerlicht oder sind zumindest gerade dabei, haben aber noch nicht die Fähigkeit erlangt, sich selbst zu modellieren. Damit meine ich Folgendes: Als Erwachsener kann ich mich ohne Probleme für eine kurze Zeit anders verhalten, als meine inneren Werte es vorgeben. Ich kann verstehen, dass ich mich in einer anderen Kultur aufhalte und mich anpassen. Kinder können das in dem Alter noch nicht.

Warum ist es wichtig für mich, mich angepasst zu verhalten? Warum verhalten wir uns nicht einfach, wie wir gerade wollen oder es für richtig halten? Zum Einen, weil wir an sich doch höfliche Menschen sind und ungern unfreiwillig auffallen. Wir müssten eben nur die Regeln kennen. Zum Anderen fallen Freunde nicht vom Himmel. Um Freundschaft muss man sich bemühen, auch für die Kinder. Man verabredet sich nicht einfach im Kindergarten, weil die meisten Kinder bis abends im Kindergarten bleiben. Da es keine festen Bring- und Abholzeiten gibt, sieht man andere Eltern so gut wie gar nicht. Die zwei Mütter, die ich getroffen habe, deren Nummern habe ich mir direkt notiert und mit denen sind wir bis heute befreundet. Eine Gruppenliste existiert nicht. Es gibt hier bei uns wenige Gelegenheiten, Menschen kennen zu lernen, darum wollen wir die wenigen Möglichkeiten nicht auch noch verlieren.

Zwei Wochen vorher fragten wir ein Mädchen, was es am Sonntag nachmittags unternehmen würde. Sie druckste herum und wollte es nicht sagen. Ich fragte sie, warum sie es nicht sagen mochte. Sie antwortete: „Wenn ich es sage, mache ich euch traurig. Ich möchte euch nicht traurig machen.“ Nachdem wir ihr versichert hatten, dass wir nicht traurig sein und sie immer noch mögen würden, verriet sie uns, dass sie ihren Geburtstag feiern würde.  Meine Kinder wollten ohnehin lieber ins Museum, aber dieses Beispiel zeigte mir, wie anders doch die Werte in unseren Gesellschaften gewichtet werden.

Während Kinder in Deutschland in dem Alter noch zugestanden wird, frei und geradeheraus die Wahrheit zu sagen, werden Kinder hier, wo wir leben, schon sehr früh darauf trainiert, sich angepasst zu verhalten. Bereits beim Babyturnen sagen die Begleitpersonen ihren Babys „Gentle touches, be kind, be gentle“, wenn sie nur ihre Händchen in Richtung eines anderen Kindes ausstrecken. Auf dem Spielplatz bleiben die Eltern in der Nähe ihrer Kinder, um sie daran zu erinnern: „Gentle touches“. Es scheint unglaublich wichtig zu sein, nicht in die Comfort-Zone des Anderen einzudringen. Niemandem darf zu nahe getreten werden, weder räumlich, noch emotional, noch auf irgendeine andere Art und Weise.

Die Auswirkungen dieses Achtsamkeitstrainings sind beeindruckend. Es wirkt! Hier gibt es einen Indoor-Spielplatz, der ist voller verschiedener Trampoline. Wenn meine Kleine mit ihren zwei Jahren auf einem dieser Trampoline steht, machen alle Großen einen Bogen um sie. Alle sind achtsam und niemand springt auf ihr Trampolin, damit sie bloß nicht umfällt. Es ist unglaublich beeindruckend, wie wirklich jeder in der Öffentlichkeit achtsam mit dem Anderen umgeht. Ich frage mich, an welcher Stelle und in welchem Alter dieses Achtsamkeitstraining in Deutschland statt findet. Ich erinnere mich, dass wir in Klasse fünf bis sieben in der Schule ziemlich stark daran arbeiten mussten. Ob dieses Thema in Deutschland bereits stillschweigend an die Schule delegiert worden ist oder es immer noch ein Erziehungsthema für die Eltern ist?

Was für eine Bewandtnis hat dieser Kindergeburtstag nun für die Ehe im Ausland? Es macht schlichtweg einen Unterschied, ob Frau und Kinder glücklich und zufrieden von einem Geburtstag zurück kommen oder völlig verwettert sind. In Deutschland waren die Kinder meistens glücklich und zufrieden, weil sie so viel mit ihren Freunden spielen durften. Und ich war glücklich, wenn ich mit einigen Freundinnen Kaffee trinken konnte und die Kinder gut beschäftigt waren. Den Unterschied kann man sich gar nicht so richtig vorstellen, wenn man es gerade nicht selbst erlebt. Und auch ich frage mich im Nachhinein immer wieder, wie auch gerade beim Schreiben, was denn daran so anstrengend gewesen ist.

Es ist aber einfach anstrengend, wenn man sich permanent in einer Welt zurechtfinden muss, in der man die Spielregeln nicht richtig kennt. Und wenn man dann auch noch drei kleine Wesen, die gerade andere Werte verinnerlichen und diese mit großer Überzeugung ausleben, durch diese Welt hindurch navigieren muss, dann sind zwei Stunden Kindergeburtstag ungefähr so anstrengend wie acht Stunden Unterricht am Stück. Und das macht dann einen Unterschied für die Ehe, wenn nämlich die gewohnten Ventile nicht funktionieren. Wenn das Zusammentreffen mit anderen Menschen nicht für Entspannung, sondern zusätzlichen Stress sorgt.

An diesem Samstag im Juli war ich froh, dass wir als Paar gute Strategien im Umgang miteinander auch und gerade unter Stress gefunden haben. Mein Mann brauchte nicht lange, um zu verstehen, dass ich eine Pause nötig hatte und die Kinder ein schönes Programm, um ihre angestaute Energie loswerden zu können. Also nahm er sie mit auf eine Fahrradtour und ich konnte mit unserem Besuch aus Deutschland einen Kaffee trinken und ganz in Ruhe den Geburtstag reflektieren.

Spätestens hier zeigt sich, dass dieses Erlebnis ein ganz individuelles ist. Es gibt viele verschiedene Schnittstellen, an denen es einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Es müsste nur einer der eingangs beschriebenen Faktoren geändert werden und schon wäre es eine gänzlich andere Geschichte. Und dennoch kann dieses Erlebnis meiner Meinung nach exemplarisch gesehen werden für einen Unterschied, der alles verändert: das Erleben der Ereignisse in Wertekonflikten. Durch die Kinder, die gerade dabei sind, grundlegende Werte zu verinnerlichen, erleben wir die Konflikte besonders deutlich. In anderen Konstellationen sind sie vielleicht nicht ganz so leicht zu erkennen, weil die Fähigkeit und Bereitschaft zur Anpassung höher ist oder die Unterschiede nicht so stark sichtbar sind. Dennoch ist das Leben in einem anderen kulturellen Kontext ein beständiges Ausbalancieren von Wertekonflikten.

Doch zurück zu unserer individuellen Geschichte. Nach und nach haben wir verschiedene Möglichkeiten gefunden, die ich für Verabredungen nutzen kann. Es gibt ein Café, in dem es eine Spielzone für Kinder gibt. Dort können wir Kaffee trinken, uns unterhalten und die Kinder können nebeneinander spielen. Nah genug, um zu sagen, dass sie Freunde haben, und mit genug Raum dazwischen, um sich nicht in die Quere zu kommen. Das muss man aber auch erst heraus finden.

Trotz aller Anstrengung ist es spannend, mit meiner Familie im Ausland zu leben. Es gibt so viel zu entdecken und ich finde es interessant, diese Prozesse in meiner Familie zu beobachten. Es öffnet mir die Augen für die Tiefe der Veränderungen, die mit Migration einher gehen. Welche Konzepte haben wir an den Schulen, um Kinder mit Migrationshintergrund aufzufangen? An wie vielen Stellen reagieren wir in Deutschland kulturunsensibel, weil wir vielleicht gar nicht wissen, dass das, was da gerade geschieht, etwas Kulturelles ist. Mir fällt auf, dass wir immer wieder Vermittler brauchen, Menschen, die versuchen, ihr Erleben zu formulieren. Und mir fällt auf, dass wir vor der Lösung eines Problems vielleicht zunächst ein tieferes Verständnis des Konfliktes brauchen.

Wenn ich also in Zukunft gefragt werde, was denn im Ausland anders ist als in Deutschland, dann werde ich antworten: Alles. Auch wenn die Ereignisse im Kern gleich sind, so ist das ganze Erleben, die Deutung der Situation, der Versuch, sich anzupassen oder auch nicht, einen Umgang zu finden, das gesamte Erlebnis ist ein anderes. Man könnte also sagen: Die Ereignisse mögen augenscheinlich die Gleichen sein, die Erlebnisse sind es nicht.

12 Antworten auf „Was ist anders, wenn man im Ausland lebt?

  1. Danke für das ausführliche Anteilgeben an Deinen Erfahrungen und Eindrücken. Spannend ist es, weil du Wurzeln hast und dich nicht verbiegst, wenn du Rücksicht nimmst auf eine andere Kultur. Ich glaube, dass die Amis dir das abspülen, deine Haltung und deine Bereitschaft zu lernen. Ich habe 6 Jahre in den USA gelebt und kann vieles gut nachvollziehen, auch wenn ich ohne Partner und Kinder nur gearbeitet bzw studiert habe. Man muss sie zu nehmen wissen 🙂 Ich habe Deutsche kennengelernt, die das nicht so gut hinbekommen haben. Eure Kinder haben große Vorteile durch diese Erfahrung. Alles Gute Euch.

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    1. Vielen Dank! Es freut mich zu hören, dass du dich in meinen Beschreibungen wieder finden kannst. Das zeigt mir, dass ich mit einigen Beobachtungen richtig liegen muss. Ich glaube tatsächlich, dass der Schlüssel im Kulturkontakt in starken eigenen Werten liegt, die jedoch nicht als absolut gesetzt werden dürfen, sondern als das genommen werden sollten, was sie sind: kulturelle Werte, die Halt bieten, aber auch angepasst werden können.
      Liebe Grüße,
      Lilli

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  2. Dein letzter Satz gilt sicherlich, wenn du in einem westlichen Land bist. In Singapur gibt es das Konzept Kindergeburtstag für lokale Kindergartenkinder gar nicht. In der Kita wird nach dem Unterricht ca 15 min Geburtstag gefeiert, indem das Geburtstagskind allen anderen 40 Kindern kleine (oder, wenn man es sich leisten kann, auch größere) Geschenke überreicht. Süßigkeiten oder Kuchen sind nicht erwünscht. Private Feiern mit anderen Kindern gibt’s gar nicht. Gemeinschaft ist wichtiger als Individualität.
    Kleine Kinder können sich allerdings erstaunlich auf die jeweilige Umgebung einstellen. Sie wissen ja auch genau, bei welcher Oma/Tante … quengeln zu Süßigkeitsgeschenken führt und bei welcher nicht 😉 Es ist eher erstaunlich, dass deine 6jährige nach einem Jahr im Kindergarten noch nicht unbewusst aufgenommen hat, dass das Thema ‚Nacktheit‘ im amerikanischen Umfeld nicht sehr entspannt betrachtet wird. Oder ist das ein sehr ‚unamerikanischer‘ Kiga, wo das relaxter gehandhabt wird?

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    1. Liebe Mako, Danke für deinen Hinweis. Spannend, dass Geburtstage in dieser Lebensphase nicht gefeiert werden. Und mit der Nacktheit und meiner Tochter, da war ich auch sehr überrascht. Eigentlich ist sie da sehr sensibel. Nur hat gerade diese Rutschen-Geschichte noch einen anderen Hintergrund, den ich nicht erwähnt hatte, damit der Artikel nicht noch länger wird, jetzt erzähl ich ihn aber doch: Etwa eine Woche vor dem beschriebenen Geburtstag waren wir mit Freunden in einem Schwimmbad mit Rutsche. Eine nicht amerikanische Freundin erzählte meiner Tochter zwinkernd und flüsternd, dass sie als Kind in der Rutsche immer den Stoff des Badeanzuges beiseite geschoben hat, damit sie schneller rutschen konnte. Meine Tochter schaute sie und mich mit großen Augen an und wir hielten fest, dass wir das hier auf keinen Fall machen würden. Offensichtlich hat diese Idee meine Tochter aber ziemlich beschäftigt und wahrscheinlich hat sie sich gemerkt: es zu machen ist nicht ok, darüber zu reden aber schon. Falsch gedacht. Ich bin immer wieder überrascht, was man in einer unbekannten Kultur alles falsch machen kann.
      Liebe Grüße,
      Lilli

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      1. Dann ist die Reaktion deiner Tochter total nachvollziehbar: ein Paradebeispiel für Kulturclash 👍
        Viel Spaß beim Bloggen, ich freue mich auf weitere Texte.

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  3. Ich weiss ganz genau was du meinst. Mein Kind hat sich einmal beim Badetreff in der Müttergruppe hier einfach ausgezogen (er war 3 und keins der anderen Kinder älter als 5) und das sorgte für einige unangenehme Blicke und Kommentare. 🤷🏻‍♀️
    Ich hab ihn geschnappt und ihm dann erklärt, dass er beim nächsten Mal das nicht so machen kann und es dabei belassen.
    Jetzt da er in der Schule ist, kommen diese Werte auf andere Weise hoch und ich hab mich schon oft gefragt, ob ich ihm besser helfen könnte, indem ich ihm die amerikanischen Werte beibringe (mein mann ist Ami), aber das werde ich nicht tun! Die Schule weiss auf jeden Fall Bescheid, muss aber immer wieder darauf hingewiesen werden, dass er mit einer anderen Kultur aufwächst und das die ein oder andere Verhaltensweise erklärt!
    Ich hoffe, das macht jetzt ein bisschen Sinn ohne einen Roman zu schreiben.
    Oh, und wir haben Anschluss durch die Bücherei und meetup und fb gefunden.

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    1. Liebe Sandra, Danke für deine Antwort! Das ist ja spannend mit deinem Sohn und der Schule. Da hast du sicher immer wieder Gesprächsstoff. Habt ihr denn in Aussicht, wieder nach Deutschland zurück zu gehen?
      Liebe Grüße
      Lilli

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      1. Ja, ich könnte so einige Geschichten schreiben. Und jedes Mal lerne ich noch was neues und denke, so war das aber nicht in D. 😉
        Ich bin schon 15 Jahre hier, hab meinen Mann hier kennengelernt und mein Sohn kennt nichts anderes. Zurück gehen wäre das also nicht mehr.
        Am besten wäre es, wenn wir halbe halbe machen könnten….

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      2. Oh, wenn du einige Geschichten schreiben magst, würde ich dir meinen Blog gerne als Plattform zur Verfügung stellen :-). Sicherlich gibt es viele Leser*innen, die das interessieren würde. Ich habe auch schon Anfragen bekommen, über die Ehe zu schreiben, wenn beide Partner aus unterschiedlichen Kulturen kommen. Leider gibt es dazu kaum Literatur und ich tu mich schwer damit, über etwas zu schreiben, womit ich mich nicht richtig auskenne. Ich kann mir nur vorstellen, dass es nicht einfach ist, wenn diese Wertekonflikte auch innerhalb der Ehe bestehen. Unterschiedliche Vorstellungen hat man ja immer, aber Wertekonflikte sind so schwer zu lösen. Falls du also mal was schreiben magst, gäbe es da sicher einiges :-). Ich kenne bereits einige Familien, die sozusagen zwei Wohnsitze haben und halbjährlich oder jährlich pendeln. Da kommt es aber auch auf das Alter der Kinder an, denke ich.
        Liebe Grüße,

        Lilli

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  4. Hey Lilli,
    sind gerade mit unseren beiden Jungs in USA und haben unsere Freunde in Oregon besucht. Es ist jetzt mehr als 10 Jahre her seitdem wir hier gelebt haben.
    Kann aber total nachvollziehen was du so erlebst. Du hast recht Achtsamkeit und Respekt war bei uns in der 5 Klasse noch gar nicht vorhanden!!!!! 😉
    Dieser Unterschied im Umgang unter den Kindern ist uns echt stark aufgefallen als wir wieder in Deutschland waren. Während man in USA „ be gentel, take turns, sharing is caring ….“ hört, ist es in Deutschland „mein Kind hatte es zuerst…“. Es gab einige gute Verhaltensweisen, die wir gerne beibehalten wollten. Aber an vielen Stellen passt man sich mit der Zeit der Umgebung an.
    Wir hatten das Glück einige sehr neugierige Freunde zu haben, die sich für unsere Deutsche Kultur interessiert haben. Wir haben viel drüber geredet, wer was wie und wieso macht. Ich konnte immer sehr offen fragen was von mir erwartet wird.
    Mir ist beim lesen wieder eine peinliche Geschichte eingefallen. Ich war mit meiner deutschen Freundin und unseren beiden 3-4 Jährigen Kids in Oregon in einem Pizza Restaurant mit abgegrenzter Spielfläche. Irgendwann mal haben wir gesehen das unsere Kids sich die Shirts ausziehen. Wir schnell hin und haben sie denen wieder angezogen. Bisschen später kommen beide komplett nackig rausgelaufen. Mein Sohn laut weinend und das Mädchen hat komplett eine Runde durchs Restaurant gedreht und Mutter hinterher. Es war Stille im Restaurant … wir sind danach nicht mehr da gewesen!!!
    Wünsche euch noch eine gute Zeit!
    Liebe Gruss,
    Käty

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