Machtverhältnisse in der Expat-Ehe

Im heutigen Artikel geht es um Macht, genauer: um Machtverhältnisse in der Expat-Ehe.

Macht ist für mich ein faszinierender Gegenstand. Warum üben manche Menschen Macht über andere aus und andere nicht? Warum wollen manche Menschen Macht ausüben, es funktioniert aber nicht und niemand beachtet sie? Und wie kommt es, dass manche Menschen scheinbar nichts machen, alle ihnen aber gerne folgen? Das sind Fragen, die ich unglaublich gerne in meinem Umfeld beobachte. Ich bin jedoch zunächst nicht auf die Idee gekommen, sie mit der Ehe in Verbindung zu bringen. Weil es in Gottmans „Die 7 Geheimnisse einer glücklichen Ehe“ ein wichtiges Kapitel ist, bin ich dem nachgegangen. Nachdem ich mich nun eingelesen habe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: natürlich geht es auch in der Ehe um Macht!

Wer „hat die Hosen an“, das ist so eine Redewendung, die auf die Bedeutsamkeit von Machtverhältnissen für die Ehe hindeutet. Jemand „übernimmt gerne das Ruder“ oder „steht hinten an“ – es gibt Redewendungen, die Menschen in ihrem Verhalten und auch konkret in der Ehe beschreiben, die ganz deutlich darauf hinweisen, dass das Wissen um eheliche Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft verankert ist. Zumindest unser Sprachgebrauch weist darauf hin.

Aber, was genau ist Macht und wie wird eine Auseinandersetzung zum Kampf um Macht?

Auf einer ganz basalen Ebene ist Macht die Fähigkeit, Einfluss auf andere Personen auszuüben. Wenn ich andere dazu bringe, zu tun oder zu denken, was ich möchte, übe ich Macht aus, unabhängig davon, welche Mittel ich benutze. Gut argumentieren zu können wäre damit auch eine Form von Macht. Das Ausüben von Macht ist demnach nicht zwangsläufig negativ zu sehen. Es entspricht zunächst dem natürlichen Drang zur Selbsterhaltung.

Schwierig wird es, wenn das Ausüben von Macht einseitig wird und Unzufriedenheit entsteht. In einer Beziehung, die wie die Ehe auf emotionaler Ebene geführt wird, ist auch das Ausüben von Macht häufig auf emotionaler Ebene angesiedelt. Das macht es so schwierig, Machtspiele oder –kämpfe zu durchschauen. Wie so vieles, was emotional abläuft, sind auch die Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss eher unbewusst und intuitiv. Ein Hinweis auf ein Ungleichgewicht ist es, wenn in den Auseinandersetzungen nicht mehr das Miteinander gesucht wird, sondern Punktsiege auf getrennten Listen vermerkt werden.

Was ist die Alternative?

Soll man ausschließlich das Wohl des Anderen suchen? Sich selbst aufgeben? Auch auf die Gefahr hin ausgenutzt zu werden? Ich denke, auch die christliche Aufforderung „den Anderen höher zu schätzen als sich selber“ ist nicht zwangsläufig als Selbstaufgabe zu lesen. Nur wer den eigenen Wert hoch veranschlagt, kann auch sein Gegenüber wertschätzen.

Einige gute Ratschläge zum Umgang mit Macht in der Beziehung finden sich bei John M. Gottman („Die 7 Geheimnisse einer glücklichen Ehe“). Er hat mit seinem Team herausgefunden, dass Männer, die sich von ihrer Frau beeinflussen lassen, glücklicher verheiratet sind und sich seltener scheiden lassen, als Männer, die sich dem Einfluss ihrer Frauen verweigern. Er formuliert sogar: „Statistisch gesehen heißt das, wenn ein Mann nicht willens ist, die Macht mit seiner Partnerin zu teilen, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass seine Ehe scheitern wird, 81 Prozent.“ (S. 124) Gottman spricht bei diesem Thema hauptsächlich von Männern, da Frauen, seinen Untersuchungen zur Folge, selbst in unglücklichen Ehen diesen Punkt beherzigen. Sein Ausweg aus einem Machtkampf besteht nicht darin, ausgeübter Macht noch mehr Macht entgegenzusetzen, sondern der Ausweg besteht in der Entscheidung beider Partner, sich vom Partner beeinflussen zu lassen.

Wie aber lässt man sich beeinflussen?

Man(n) soll ja schon seine eigene Meinung haben und dafür eintreten. Bei der Beeinflussung geht es mindestens darum, die Meinung und Gefühle des Partners in seinen eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen. Auch ein Teil dieses Aspektes ist es, den Partner um die Meinung zu fragen und gemeinsam Lösungen zu finden. Wichtig ist es, durch die Wertschätzung und Berücksichtigung der Meinung und Gefühle des Anderen dem Partner Respekt und Wertschätzung entgegen zu bringen. Beides ist grundsätzlich notwendig, wenn die Freundschaft in der Ehe gestärkt werden soll. Die Freundschaft wiederum ist die Grundlage einer lang andauernden Liebe.

Ob jemand sich von seinem Partner beeinflussen lässt, könne man am Konfliktverhalten erkennen. Wenn ein Partner beispielsweise negative Gefühle äußert und der andere die negativen Gefühle in seiner Reaktion steigert (z.B. durch Kritik, Verachtung, Rechtfertigung, ignorierende Abwehrhaltung), handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen Machtkampf. Anders wäre es, wenn die Gefühle auf gleicher Eben zurück gespielt werden oder aber der Partner versucht auszugleichen.

Für die Expat-Ehe gelten hinsichtlich der Machtverhältnisse erschwerte Bedingungen. Selbst wenn das Paar eingespielt und im Aushandeln gemeinsamer Lösungen geübt ist, wird durch die Entsendung ins Ausland, wenn es sich um eine klassische Entsendung handelt, ein Machtgefälle geschaffen: Der arbeitende Partner hat die Aufenthaltsgenehmigung, die Arbeitserlaubnis, Unterstützung im Job, die Unterbringung ist auf ihn geschrieben, alle Bank-Accounts laufen auf den Arbeitenden und es gibt Netzwerke zur beruflichen und sozialen Integration. Der nicht arbeitende Partner hat von diesen Vorteilen weniger bis nichts. Das soll jetzt nicht Mitleid in irgendeiner Form hervorrufen. Es ist lediglich die Beschreibung der systemischen Voraussetzungen unter denen 70% aller Expats ins Ausland gehen.* Relocation-Agenturen sollen einiges abfangen, die Ergebnisse sind aber sehr unterschiedlich.

Was bedeutet das nun konkret?

Yvonne McNulty beschreibt dieses Machtgefälle in ihrer Untersuchung zu Scheidungen im Ausland (hier). Am Rande geht es darum, wie es gelingen kann, dass Paare im Ausland zusammen bleiben. Eine Feststellung ist dabei: „You need a strong marriage to go in – and a husband with s strong character.“ (S. 24) Mit Blick auf das systemisch bedingte Machtverhältnis würde ich sagen: Es braucht ebenso eine starke Ehefrau, die aus dem Machtgefälle keine Ohnmacht werden lässt. Es braucht Sensibilität für das Machtgefüge und die Stärke, sich eine eigene neue Welt zu erschaffen. Denn Macht bedeutet nicht nur, einen anderen Menschen dazu zu bringen, zu tun was man selbst will, sondern auch Verhältnisse zu verändern und das Umfeld so zu gestalten, dass es passt.

Ein weiterer Punkt ist ebenso wichtig: Da es sich vornehmlich um ein systemisch bedingtes Machtgefälle handelt, sehe ich den Verursacher dieses Machtgefälles in der Pflicht. Härten müssen noch viel stärker ausgeglichen werden, als es bereits geschieht. An sich ist die Ehe sicher Privatsache, wenn jedoch von außen so viel verändert wird, müsste auch von außen noch viel stärker Unterstützung angeboten werden.

Mit der Abwicklung des Entsendungsprozesses werden häufig Relocation-Agenturen betreut. Hier muss man im Gespräch bleiben und hinterfragen, ob die angebotenen Leistungen für die Familien tatsächlich sinnvoll sind. Wenn Leistungen nicht genutzt werden, sollten diese nicht einfach gestrichen werden, sondern es sollte hinterfragt werden, woran das liegt. Und die Relocation-Agenturen sollten sich mit ihrem Angebot nicht nur an die zahlenden Unternehmen wenden, sondern diejenigen im Blick haben, denen die Leistung eigentlich zugute kommen soll.

Und falls von Unternehmensseite gesagt wird, dass es zu wenig Erkenntnisse darüber gibt, was eine entsendete Familie tatsächlich braucht: Zur Forschungslage hätte ich noch eine Idee. Fakt ist, dass viele Ehefrauen im Ausland keine Arbeitserlaubnis bekommen. Fakt ist ebenso: von den mitreisenden Ehefrauen haben „47% a post-graduate degree or Ph.D.“, sie bringen die notwendigen Voraussetzungen mit. Und noch ein Fakt: mittlerweile sind Expatfrauen weltweit über die sozialen Medien recht gut vernetzt. Sind die Unternehmen also tatsächlich an der Entsendung und Unterstützung der gesamten Familie interessiert? Vielleicht ist es möglich, unabhängige Forschungsprojekte zu initiieren, die aus Fördermitteln von unterschiedlichen entsendenden Unternehmen finanziert werden. Mitarbeiten können im Ausland arbeitende, gut miteinander vernetzte mitreisende Ehefrauen und Ehemänner. Projektbezogenes Arbeiten ist möglich. Auch möglich wäre diese Arbeitsstelle für Mütter, die ihre Kinder betreuen: international, projektbezogen, Frauen fördernd, aus der Zielgruppe heraus und Mütter berücksichtigend. Die Unternehmen hätten Informationen aus erster Hand und könnten tatsächlich daran arbeiten, dass ihre Mitarbeiter die Entsendung nicht vorzeitig abbrechen. Abgesehen davon ist es immer besser, mit den Betroffenen, statt über sie zu reden. Ganz niedrigschwellig könnten rückkehrende Expatpartner befragt werden: Welche Form der Unterstützung hätte euch in eurer Situation geholfen? Aus der Vielzahl der Antworten könnte zukünftigen Expats eine individuelle Unterstützung angeboten werden.

Letztlich braucht es für einen sinnvollen Umgang mit dem Machtverhältnis in der Ehe zwei starke gleichwertige Partner, die dem Anderen Wertschätzung, Anerkennung und Aufmerksamkeit entgegen bringen. Zudem zeigt Gottmans Forschung, wie wichtig es ist, sich vom Partner beeinflussen zu lassen, vor allem für die Männer: sich von ihren Frauen beeinflussen zu lassen. Ihr werdet glücklicher sein! (Komisch, warum mag ich das Thema jetzt noch mehr als zu Beginn meiner Recherche.)

Habt einen guten Tag!

Lilli

* Statistiken zur Situation von Expat-Spouses gibt es hier

4 Antworten auf „Machtverhältnisse in der Expat-Ehe

  1. Hallo Lilli, danke für den tollen Artikel! Das Thema Ehe in Verbindung mit einer Entsendung ins Ausland ist wirklich sehr spannend. Wie du auch sagst verwundert es mich sehr, dass Unternehmen noch so wenig in diese Richtung machen obwohl die Datengrundlage eindeutig ist. Wir Expat Frauen verfügen über einen großen Fundus an Wissen das aber von den Unternehmen gar nicht wahrgenommen oder eingefordert wird. Danke auch fürs Verlinken meiner Statistiken zu diesem Thema! Liebe Grüße aus Chicago, Kate

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    1. Hallo Kate, freut mich sehr, dein Kommentar! Ja, eigentlich könnten wir uns noch viel mehr den Unternehmen als Gesprächspartner anbieten. Liebe Grüße aus Ohio, Lilli

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  2. Hallo Lilli,
    vielen Dank für Deinen Artikel! Wir stehen kurz vor der Ausreise nach Washington State. Als Ehepaar ist es das zweite Mal, für die Kinder wird es eine ganz neue Erfahrung. Über die Machtverhältnisse habe ich noch nie wirklich nachgedacht. Aber klar, die Kinder und ich haben ein „abhängiges“ Visum… Damals hatte ich ein J2 und konnte eine Arbeitserlaubnis beantragen (und habe sie auch umgehend bekommen) – das wird jetzt anders.
    Ich würde mich freuen, wenn wir in Kontakt kommen könnten (auch wenn es die andere Seite vom Land ist).
    Viele Grüße
    Kirsten

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo liebe Kirsten, seid ihr gut angekommen an der anderen Seite des großen Teiches? Die Machtverhältnisse müssen nicht unbedingt spürbar werden. Ich wollte mir selber einmal bewusst machen, welche Struktur eigentlich derzeit zum Rahmen unserer Beziehung gehört. Ich würde mich auch sehr freuen, mit dir in Kontakt zu kommen. Bist du bei Facebook angemeldet? Es gibt zwei Gruppen, die Expatmamas und die Weltfrauen, wo du viele in einer ähnlichen Lebenssituation findest. Sonst kannst du mir gerne auch hier schreiben, ich muss ja nicht jeden Kommentar veröffentlich :-).
      Es tut mir Leid, dass ich so lange nicht geantwortet habe, die langen Ferien haben doch ziemlich viel Aufmerksamkeit verlangt.
      Liebe Grüße und viel Kraft beim Einleben
      Lilli

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