Vergeben und Vergessen?

Heute erwartet euch ein Artikel, den ich eigentlich schon zu Ostern veröffentlichen wollte. Ich bin jedoch so sehr von der Menge der Literatur beeindruckt gewesen, dass ich die Recherche nun abbrechen musste. Am liebsten hätte ich mir einen Stapel Bücher bestellt und würde mich durch sämtliche Studien arbeiten. Das Thema Vergebung interessiert mich nicht nur in Bezug auf die Ehe. In jeder Beziehung, auch wenn wir den betreffenden Personen schon lange nicht mehr begegnet sind, kann Vergebung wichtig sein. Ich hoffe, ihr seht es mir nach, wenn ich diesmal nicht versuche, alles in Richtung Expatehe zu bürsten. Es ist so ein allgemeines und unglaublich wichtiges Thema, dass ich den heutigen Artikel eher allgemein halten möchte.

Soviel gleich mal vorweg: Vergeben und Vergessen können keinesfalls gleichgesetzt werden. Nur weil ich jemandem etwas vergebe, heißt das noch lange nicht, dass ich die Situation auch vergessen muss. Was sich jedoch durch das Vergeben ändern kann, das ist die Farbe, mit der das Erinnerte gefärbt ist.

Emotionen können sehr gut Farben zugeordnet werden – jemand sieht rot vor Wut oder lebt verliebt in einer rosafarbenen Wolke. Jede meiner Erinnerungen ist gefärbt. Jede Erinnerung transportiert Emotionen. So kann ein Ereignis auch über die erlebte Situation hinaus ihren Einfluss auf mich ausüben. Allein die Erinnerung an eine Situation kann dazu beitragen, dass ich innerlich hart und gelähmt werde oder zugänglich bleibe und beschwingt aktiv voranschreite. Nicht das Ereignis an sich, sondern die Farbe, die ich zulasse oder ihm gebe, prägt mich weiterhin. Eine Möglichkeit, die Farbe meiner Erinnerung zu beeinflussen, ist das Vergeben oder Verzeihen.

Beide Begriffe verwende ich hier Synonym. Während ich den Begriff „Vergeben“ vorrangig im christlichen Kontext gefunden habe, wird vom „Verzeihen“ auf allen Beratungsseiten gesprochen, die keinen christlichen Hintergrund erkennen lassen. Unglaublich viel Literatur zum Verzeihen und Vergeben weist darauf hin, dass es ein allgemeines großes Interesse an dem Thema gibt. Es scheint ein probates Mittel zu sein, wenn man mit einem vergangenen Ereignis ins Reine kommen möchte, wenn etwas aus der Welt geschafft werden soll oder wenn ein Gleichgewicht hergestellt werden soll, weil etwas in eine Schieflage geraten ist.

Mir geht es hier nicht um das Vergeben in großen Konfliktbereichen, sondern um unbedachte verletzende Äußerungen und kränkende Verhaltensweisen im Alltag. In engen Beziehungen wie der Ehe sind das meistens die kleinen wiederkehrenden Verhaltensweisen, die so tief in einem drin stecken, dass es schwer ist, sie abzustellen, auch wenn man weiß, dass es den Partner kränkt. Was nicht bereinigt wird, kann sich zu einem ausgewachsenen Konflikt entwickeln, das ist bereits allgemein bekannt. Wir kennen auch den Zusammenhang von psychischer und physischer Gesundheit mit erfolgreichem Vergeben. Ebenfalls bekannt ist, dass es sich leichter lebt mit leichtem Gepäck, auch in einer Beziehung. Gründe für das Vergeben gibt es also genug.

Doch was bedeutet Vergeben genau und wie kann es stattfinden? Wie kann ich das machen? Und, was mich sehr lange beschäftigt hat: Wie kann ich vergeben, wenn ich emotional überhaupt nicht dazu bereit bin, etwas loszulassen und es eigentlich auch gar nicht will? Wenn ich rational weiß, dass es mir gut täte, wenn ich vergebe, aber am nicht-Vergeben festhalten möchte, weil es mir das momentane Gefühl von Überlegenheit gibt?

Hilfreich ist für mich zunächst das Wissen: Auch wenn ich vergebe, trägt der Täter die Konsequenzen seiner Tat. Eine Vergebung entschuldigt die Tat nicht, toleriert sie nicht und vergessen wird die Tat erst recht nicht. Vergebung schließt auch die Herstellung von Gerechtigkeit nicht aus.

Was ich aber auch wissen muss: Wenn ich nicht vergebe, vergeude ich meine Energie in Form von Groll und Rachegedanken und schenke meinem Gegenüber Aufmerksamkeit an einer Stelle, die nicht förderlich ist, weder für die Beziehung noch für mich persönlich. Nicht nur unsere Beziehung, auch ich selbst werde durch die abgehende Energie ausgebremst. 

Dr. Christine Knaevelsrud schreibt (hier) zum Vergeben, dass es weder eine Tugend, noch eine natürliche Fähigkeit, auch kein moralischer Akt oder automatischer Prozess, sondern vielmehr eine aktive Entscheidung und ein bewusst initiierter Prozess sei. Es ist auch kein dogmatisch erstrebenswertes Ziel an sich, sondern wenn man vergibt, eröffnet man sich selbst eine größere innere Freiheit. Kraft und Energie, die gebunden war, wird frei.

Wenn ich rational weiß, dass ich vergeben möchte, aber fühle, dass ich nicht vergeben kann und ich eigentlich emotional am nicht-Vergeben festhalten will, können mir laut Dr. Knaevelsrud Fragen helfen, mit denen ein Vergebungsprozess initiiert werden kann:

  • Hat es Sinn, weiter so über den Verursacher nachzudenken?
  • Welche Auswirkungen hat diese Form der Beschäftigung mit dem Verursacher auf mein Leben?
  • Was würde sich ändern, wenn diese Beschäftigung wegfallen würde?

Wenn ich über diese Fragen ausreichend meditiert habe und zum Schluss gekommen bin, dass ich tatsächlich vergeben möchte, habe ich bereits die erste Hürde genommen.

Folgende Schritte werden für das Vergeben vorgeschlagen, wenn es dazu führen soll, sich aus der Opferrolle zu befreien und seine Autonomie wieder zu erlangen:

  1. Im ersten Schritt werden die eigene Wut und die eigene Verletzung thematisiert.
  2. Im zweiten Schritt findet die Auseinandersetzung mit dem Verursacher statt, es erfolgt ein Perspektivenwechsel.
  3. Im dritten Schritt wird die Entscheidung zur Vergebung getroffen. Die negativen Gefühle werden losgelassen, Gefühle der Trauer und des Schmerzes werden aber zugelassen.
  4. Im vierten Schritt wird überlegt, welche neuen Verhaltensweisen sich aus der Vergebung ergeben.

Das alles kann zu einem unglaublichen inneren Kraftakt werden. Manchmal ist es hilfreich, sich für die Auseinandersetzung mit den Fragen und Schritten Hilfe von außen zu holen. Das kann professionelle Hilfe sein. Man kann diese Gespräche aber auch zunächst mit Freunden oder anderen nahe stehenden Personen führen.

Manchmal führt der Weg zur Versöhnung über Umwege. Dr. Anette Kämmerer beschreibt (hier), dass ein großer Druck durch die Erwartung, man müsse ja vergeben, aufgebaut werden kann, der kontraproduktiv sei. Um sich aus der Opferrolle zu befreien, kann auch eine Loslösung aus allen moralischen Anforderungen erfolgen und man kann sich bewusst dazu entscheiden, nicht zu verzeihen. Auch die Entscheidung FÜR den eigenen Zorn kann Bewältigungskräfte freisetzen. Wichtig ist dabei laut Dr. Kämmerer, dass man nicht in einem verzweifelten „Ich kann nicht verzeihen“ verharrt, sondern, wenn man schon nicht verzeihen will, dann auch folgerichtig formuliert. „Ich will nicht verzeihen!“. 

Manchmal ist es fast liebevoller und zugewandter, wenn ein ehrliches: „Das will ich dir (jetzt noch) nicht verzeihen!“ formuliert wird, als wenn man sich innerlich ein halbherziges „Ich vergebe dir“ abringt, es aber in einem weiter schwelt und eigentlich überhaupt nichts bereinigt ist. Auch klar formulierte Grenzen und ein handfester Streit können zur Klärung und zur Versöhnung führen, manchmal eher als halbherzige Erklärungen und das Mitnehmen von unausgesprochenen Vorwürfen. Denn darum geht es ja schließlich: um die Klärung und das Loslassen von belastenden Situationen. Und manchmal ist es ja auch heilsamer für die Beziehung, wenn eben nicht rasch verziehen wird, sondern zu recht auf einer Verhaltensänderung bestanden wird.

Mir war es wichtig, den Aspekt „Vergebung“ an Ostern zu thematisieren, weil es für mich da noch einen Gedanken gibt, der mir das Vergeben erleichtert. Und dieser Gedanke hängt mit Ostern zusammen: Wenn alle meine Schuld mit ins Grab genommen wurde, dann liegt sie da neben der Schuld meines Mannes. Ich kann mich nicht mehr für besser halten mit dem Festhalten an der Schuld des Anderen. Wir beide sind Menschen, die am Anderen schuldig werden. Wer bin ich, dass ich sagen könnte: Deine Schuld an mir ist größer als meine Schuld an dir. Wohlgemerkt: ich rede immer noch von alltäglichen nicht von den großen besonders schweren Situationen. Mir hilft die Erinnerung an diesen Gedanken immer mal wieder zwischendurch dabei, eben nicht die Schuld des Anderen zu sammeln, aufzurechnen und mich moralisch für besser und größer zu halten (auch wenn ich das manchmal sicherlich bin ;-)).

Mir scheint das Praktizieren von Vergebung ein lebenslanger Prozess zu sein, der beständiges Trainieren erfordert. Und manchmal braucht es eine Weile, auch mal eine längere, und manchmal auch immer wieder erneutes Vergeben, bis etwas tatsächlich losgelassen werden kann. Und manchmal geht es auch nur stückchenweise. Aber die Arbeit daran lohnt sich. Sie verspricht Unabhängigkeit, innere Freiheit, einen Neuanfang und echte, immer tiefere Begegnung auf Augenhöhe.

Habt einen schönen Tag!

Lilli

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