Auswirkungen von Stress auf das Verhalten

Im Ausland als Expat oder als Expat-Partner zu leben, bedeutet Stress auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Heute möchte ich beleuchten, wie sich Stress ganz konkret im Verhalten einer Person auswirken kann.

Mich faszinieren Persönlichkeitsmodelle. Ich finde es einfach interessant, Eigenschaften zu beschreiben, mich und andere zuzuordnen, mehr über mich selbst zu erfahren und damit meinen blinden Fleck ein wenig zu verkleinern. Während ich darüber nachdachte, was Stress mit Menschen macht und wie sich das in der Ehe auswirken kann, fiel mir auf, dass ich unter Stress immer wieder in ganz bestimmte Verhaltensweisen zurückfalle. Eigentlich ist mir bewusst, dass diese Verhaltensweisen nicht sinnvoll sind und dennoch ist es schwierig, unter Stress eben nicht in diese Verhaltensmuster zu verfallen.

Nun wissen wir ja alle, dass die Herkunftsfamilie das Kommunikationsverhalten und die Strategien zur Konfliktbewältigung geprägt hat. Zusätzlich gibt es die individuelle Persönlichkeit. Unter optimalen Bedingungen kommen die Vorzüge der jeweiligen Eigenschaften zum Vorschein. Jede positive Eigenschaft hat jedoch auch eine Kehrseite. Und ihr ahnt es schon: In Schwierigkeiten, unter Stress beispielsweise, zeigen sich die weniger schönen Seiten.

Es gibt nun ganz unterschiedliche Persönlichkeitsmodelle, an denen man das zeigen kann. Am gängigsten ist die Unterscheidung nach 4 Persönlichkeitstypen in Anlehnung die Temperamentenlehre aus der griechischen Antike. An diese Begrifflichkeiten halte ich mich im Folgenden, auch wenn es heute andere gebräuchlichere gibt. Es geht mir hier, das muss ich glaub ich deutlich sagen, nicht um eine grundsätzliche Beschreibung oder die Diskussion um den Sinn oder Unsinn von Persönlichkeitsmodellen. Ich benutze das Modell hier lediglich, um zu zeigen, wie sich Stress auf das Verhalten auswirken kann.

Die Einteilung erfolgt in die vier Grundtypen (die natürlich im normalen Leben so rein und klassisch gar nie auftreten, es ist eben ein Modell der Wirklichkeit und nicht DIE Wirklichkeit):

Choleriker – zielorientiert, klar, dominant

Melancholiker – nachdenklich, ordentlich, pflichtbewusst, detailbewusst

Sanguiniker – vielseitig, begeisterungsfähig, kreativ

Phlegmatiker – gemütlich, gutmütig, ausgeglichen, beständig

Nehmen wir nun den Choleriker, der ein Projekt wunderbar zum Abschluss bringen kann. Klar werden Ziele formuliert, verfolgt und meistens eingehalten. Um das zu erreichen, müssen Entscheidungen getroffen werden, auch unangenehme. Gerät ein Mensch mit diesen positiven Eigenschaften unter Stress, können sie sich ins Negative verkehren. Im schlimmsten Fall wird die Zielformulierung übergriffig. Entscheidungen werden über die Köpfe und Meinungen anderer hinweg getroffen. Wer die Zielerreichung verhindert, kriegt das zu spüren, teilweise subtil oder auch im direkten Angriff, je nach Stresslevel.

Der Melancholiker konzentriert sich auf wesentliche Details und entscheidet auf der Grundlage einer ausgiebigen Betrachtung aller notwendigen Aspekte. Er liefert zuverlässig eine saubere Entscheidungsgrundlage. Die Zahlen und Argumente stimmen. Sollte allerdings die Zeit für eine eingehende Analyse fehlen, könnte es zu einer Blockade kommen. Gibt es plötzliche Änderungen im Prozedere, kann das so verunsichern, dass er sich einer Kompromisslösung verweigert und die Zusammenarbeit aufkündigt. Je unsicherer er wird, desto mehr klammert er sich an vorgeschriebene Prozesse, die dann auch bissig gegen jede sinnvolle Argumentation verteidigt werden können.

Der Sanguiniker trägt zur Problemlösung mit kreativen und innovativen Ideen bei. Höchstleistungen werden gebracht, wenn er andere begeistern und unterhalten kann. Sollte aber mal einfach nur eine Aufgabe nach einem vorgeschriebenen Schema erledigt werden und niemand schaut dabei zu, so könnte das aufgeschoben oder einfach nicht gemacht werden, die Aufgabe bleibt offen. Listen könnten unvollständig bleiben und dringende Projekte aufgeschoben werden. Es kann äußerlich zur Flucht oder innerlich zum Rausziehen aus der Situation kommen, um einen direkten Konflikt zu vermeiden. Schwierigkeiten werden verschwiegen.

Der Phlegmatiker bearbeitet Aufgaben zuverlässig im vorgeschriebenen Rahmen. Sollte jedoch eine veränderte Situation auch andere Vorgehensweisen erfordern, wird es schwierig. Auch Druck kann problematisch werden. Unentschlossenheit, mangelnde Initiative und ein Zurückhalten der eigenen Wünsche und Bedürfnisse zugunsten der Aufgabe oder des Partners können die Folge sein.

Schon diese kurze und sehr unvollständige Übersicht zeigt, wodurch in der Ehe Schwierigkeiten entstehen können. Je mehr Stress wir haben, desto mehr zeigen sich die Schattenseiten unseres Charakters. Während ein Partner Abwechslung und interessante Wochenendgestaltungen möchte und für seinen Stressabbau dringend braucht, klammert sich der andere bei steigendem Stress immer mehr an Routinen. Während ein Partner sich zurückzieht, seine Wünsche nicht mehr äußert, um nicht noch mehr Stress zu erzeugen, wird der andere Partner immer deutlicher in seinen Zielformulierungen und Vorgaben. Einer zieht sich immer weiter zurück, der andere wird immer übergriffiger. Für diese Grundkonstellation ungelöster Konflikte und unschöner Situationen in Beziehungen muss gar nicht so viel in der Herkunftsfamilie schief gelaufen sein. Es reicht einfach, dass wir unterschiedliche Menschen sind.

Ins Ausland zu ziehen und sich neu zu orientieren, das bedeutet Stress. Von vielen Paaren höre ich: Das erste Jahre, das war besonders schwierig für uns. Vielleicht ist danach die Eingewöhnung zum Teil erfolgt und der Stress lässt etwas nach? Und vielleicht sind wir dann wieder in der Lage, uns sozial kompatibler zu verhalten?

Was kann man nun also tun, wenn man feststellt, dass Konflikte durch die Auswirkung von Stress auf unser Verhalten verschärft werden?

  1. Stress reduzieren – das liegt auf der Hand und ist ein ganz wesentlicher Aspekt: Freiräume im Alltag schaffen und mit wohl tuenden Dingen füllen. Das lohnt sich, denn danach traut sich meine bessere Seite wieder ans Tageslicht. Sicherlich hat dieser Punkt noch weitere positive Auswirkungen, aber er kann mit dazu beitragen, dass ein Konflikt eben nicht völlig eskaliert, sondern Lösungen gefunden werden.
  2. An der Persönlichkeit arbeiten – durch Selbstreflektion, Feedback und Gespräche mit dem Partner. Wie verhalte ich mich, wenn ich gestresst bin? Wann entspringt mein Verhalten einem berechtigten Ärger über einen Situation und wann ist eher Stress die Ursache?

Wenn wir beide uns unserer schwierigen Verhaltensweisen unter Stress bewusst werden, erkennen wir schneller, wann wir eine Auszeit brauchen. Wenn wir merken, dass unser gestresst Sein ein wesentlicher Faktor in einem Konflikt ist, können wir anders mit dem Konflikt umgehen.

Habt ihr ähnliche Beobachtungen gemacht? Welche Strategien zur Stressbewältigung könnt ihr empfehlen?

Habt einen schönen Tag!

Lilli

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