Ein Gütekriterium für die Ehe (Tipp Nr. 2)

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin glücklich verheiratet. Und noch glücklicher bin ich darüber, gerade diesen Mann geheiratet zu haben und mit ihm gerade jetzt da zu sein, wo wir sind. Mich erreichen aber immer mehr Geschichten von Ehen, die sehr stark in Frage gestellt werden. Das führt mich dazu, in meinen Artikeln noch stärker nach dem zu suchen, was der Ehe gut tun kann. Im heutigen Ehe-Tipp geht es um die Haltung, die man dem Partner gegenüber pflegt.

Was überwiegt in meinem Denken und in meinen Gefühlen über meinen Ehepartner?

Überwiegt die Enttäuschung, dass es wieder mal abends später geworden ist, keine Zeit für ein Telefonat vorhanden war, der Hochzeitstag oder das Geschenk vergessen wurde? Oder sind es eher positive Gedanken, die ich über ihn habe? Hege ich Bewunderung für ihn oder bin gar stolz auf seine Eigenschaften? Freue ich mich an seinem Humor und seinem Blick für das Detail?

Ich merke, wie mich die Farbe meiner Gedanken und Gefühle in meinem Auftreten meinem Partner gegenüber bestimmt. Und mein Auftreten und Reden ist mitentscheidend für den Verlauf unserer Begegnung. Durch meine Haltung meinem Mann gegenüber kann ich beeinflussen, ob wir in einen ehrlichen Austausch kommen und uns wirklich begegnen, sodass Nähe entstehen kann.

Das ist jedoch nicht immer möglich. Manchmal ist der Stresspegel so hoch, dass wir beide nur versuchen können, den Alltag zu bewältigen. Ich habe manchmal keine Kapazität mehr übrig. Wenn dieser Zustand über einen längeren Zeitraum anhält und zum Standard wird, ist möglicherweise keine entspannte Zeit mehr für echte Begegnung vorhanden. Es gibt wesentlich mehr Gründe, warum Zuneigung und Bewunderung füreinander schwächer werden können. Jedes Paar kann da sicher eigene Beispiele anfügen. Es gibt sie, die herausfordernden Situationen. Glücklicherweise kann man, sobald man merkt, dass man sich in einer solchen Stresssituation verfahren hat, versuchen, etwas zu ändern.

Wie kann man die Zuneigung und Bewunderung für seinen Partner stärken?

Zwei Möglichkeiten, Zuneigung und Bewunderung wieder füreinander zu verstärken, erwähnt John M. Gottman in seinem Buch „Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe“.

  1. Positive Eigenschaften und Tätigkeiten betonen: Ich versuche nicht die Vergehen auf einem Beziehungskonto zu sammeln, sondern bemerke vor allem die positiven Eigenschaften und Tätigkeiten. Dabei unterstelle ich bei allen Tätigkeiten keinen Egoismus, sondern eine liebevolle und bewundernde Haltung des Partners mir gegenüber. Die Handlung mag objektiv betrachtet die gleiche sein, aber ich bestimme, mit welcher Farbe versehen ich sie wahrnehme und konserviere.
  2. Positive Erinnerungen pflegen: Wenn die Suche nach Positivem in der Gegenwart nicht erfolgreich sein sollte, kann ich die Erinnerung bemühen. Tauchen in meinen Erinnerungen über unsere gemeinsame Zeit vornehmlich Enttäuschungen auf und dominieren alles oder bringen mich die Gedanken an unsere gemeinsame Zeit zum Lächeln? Wenn ich mir die positiven Erinnerungen ins Gedächtnis rufe, kann meine Zuneigung wachsen.

Es kann eine schöne und ergiebige Übung sein, sich gegenseitig immer wieder aus beiden Perspektiven die Anfangszeit der Beziehung zu erzählen. Wir machen das manchmal, einfach weil es Spaß macht, unsere Geschichte zu erzählen. Und wir haben festgestellt, dass unsere Erzählungen immer wieder variieren. Sie sind abhängig vom Kontext, in dem wir sie erzählen. Manchmal erinnern wir uns dabei an Aspekte, die wir vorher bereits vergessen hatten. Es ist schön, seine eigene Geschichte auf diese Weise immer wieder neu zu entdecken. Vielleicht gibt es andere besondere Ereignisse in der Beziehungsgeschichte, die ebenso dazu beitragen können, die Zuneigung wieder wachsen zu lassen.

Meine innere Haltung spiegelt sich in meinem Verhalten und kann meinen Partner beeinflussen. Ebenso funktioniert es natürlich umgekehrt. Auch mein Partner kann mich durch seine innere Haltung beeinflussen. Eigentlich ist das eine ganz einfache Grundregel menschlichen Verhaltens, die nur leider vergessen wird, wenn man anfängt, Leistungen aufzurechnen.

Für John M. Gottman ist die Zuneigung und Bewunderung füreinander sogar ein ganz wesentlicher Baustein bei der Wiederbelebung der Ehe: „Wenn ein Paar immer noch ein System von Zuneigung und Bewunderung besitzt, dann kann seine Ehe geheilt werden.“ (John M. Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, S. 83) Das bedeutet nicht, dass der Weg zur Wiederbelebung der Ehe einfach wäre, aber solange Zuneigung und Bewunderung füreinander vorhanden seien, sei die Wiederbelebung der Ehe laut Gottman möglich.

Ja, ich bin glücklich verheiratet. Und ich finde es spannend, wie ich durch meine innere Haltung unsere tägliches Miteinander zusätzlich beeinflussen kann.

Habt einen schönen Tag!

Eure Lilli

3 Antworten auf „Ein Gütekriterium für die Ehe (Tipp Nr. 2)

  1. Liebe Lilli, der Artikel hört sich so an, als ob du in einer Ehekrise steckst ?!? Hoffentlich nicht. Ja, Kinder zehren an deinen Kräften. Ich hoffe, Dein Mann unterstützt Dich dabei ausreichend. Meine Kräfte waren über Jahre überlastet. Das tat unserer Ehe nicht gut und mir sowieso nicht. Viel Kraft und Mut und immer mal wieder lächeln und eine bewusste Pause machen und das Chaos im Haus ignorieren. Schönen Sonntag. Luise

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    1. Liebe Luise, nein, in einer Ehekrise stecke ich gerade nicht. Aber mich erreichen immer mehr Geschichten von Ehen, die in einer Krise stecken, was mich unsagbar betroffen macht. Danke für deinen Hinweis. Es ist nicht meine Absicht, eine negative Stimmung zu verbreiten. Mich macht es einfach unendlich traurig, zu lesen, wie viele Expatehen kämpfen.
      Liebe Grüße, Lilli

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  2. Liebe Lilli, ich bewundere deinen Ansatz der positiven Energie. Er ist sehr hilfreich aber kostet Kraft und Arbeit. Wenn ich mich richtig erinnere, sagt Gottman auch, dass das Empfundene „give and take“ auf lange Sicht stimmen muss, um eine Partnerschaft in Balance zu halten.
    Liebe Grüße, Hiltraut

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