Von schwachen und starken Ehen

Über 800 Personen haben den letzten Gastbeitrag auf meiner Seite gelesen. Vielen Dank für die schöne Resonanz und eure Aufmerksamkeit! Auf Shanghai-calling.de schreibt Luise Gutsche über ihr drittes Expat-Abenteuer und freut sich, wenn ihr sie dabei begleitet.

„Die starken Ehen werden im Ausland stärker, die schwachen Ehen schaffen es nicht.“ Dieser Kommentar zum letzten Artikel hat mich nachdenklich gemacht. Lebe ich in einer starken Ehe? Woher weiß ich, dass sie wirklich tragen wird? Kann es sein, dass auch wir es nicht schaffen? Nicht, dass es einen aktuellen Grund zur Sorge gäbe, aber immer wieder hört man doch auch von Beziehungen, in denen einer der beiden Partner nicht geahnt hat, dass die Ehe eher schwach ist, bis es zu spät war.

Was ist also eine starke Ehe? Und was wäre eine schwache Ehe? Gibt es Gütekriterien für die Ehe? Kann ich sie anhand von beschreibbaren Punkten ausmessen?

Für Luise Gutsche ist es wichtig, dass sie beide ein Team sind und alles als Team entscheiden und erleben. Das klingt super! Das freut mich riesig, wenn ich das lese! Allerdings hatte ich die schwierigsten Situationen immer genau dann, wenn mein Mann auf Geschäftsreise war. Bis heute haben wir immer ein ungutes Gefühl, wenn er auf Geschäftsreise geht, weil gerade dann irgendwas passiert. Dass wir dann krank sind, ist noch die harmlose Variante.

Meine herausragendsten Erlebnisse hatte ich in Italien. Unser 8 Monate altes Baby hatte zum ersten Mal richtig hoch Fieber. Ich hatte eine Telefonnummer vom Chefarzt der Kinderstation im nahe gelegenen Krankenhaus. Dort sollte ich anrufen und einen bestimmten Namen sagen und dann würde ich einen Termin bekommen. Den Termin bekam ich. Als ich jedoch vorsprechen wollte, teilten mir die Damen im Flur mit, dass ich mich irren musste. Bei il Professore gibt es keine Termine. Das ist der il Professore und ich war ein Niemand, eine aufgeregte Ausländerin mit Baby im Arm. Davon gab es viele. Nicht mal eine Karte hatte ich und privat Bezahlen gab es nicht. Dafür gab es keinen angelegten Vorgang. Ob man wenigstens mal abhören und ins Ohr gucken könnte, fragte ich. Die Vokabeln hatte ich mir vorher rausgesucht. Nee, könne man nicht. Die Karte fehlt. Wie solle man das denn verbuchen? Geld nehmen sie nicht, das muss über das System laufen. Ich war nicht mehr nur aufgeregt, sondern heulte. Irgendwann schaute tatsächlich jemand meinem Baby ins Ohr und hörte die Brust ab. Nach 4 1/2 Stunden stand ich wieder draußen, mit der Diagnose: nichts. Es hatte nichts. Nur Fieber. Als mein Mann wieder da war, war das Kind gesund und ich hatte einen Kinderarzt im Ort.

Bei der nächsten Geschäftsreise gab es einen starken Regen und unser Keller stand unter Wasser. Mein Mann hatte gerade sein Büro da unten eingerichtet, ich war frisch schwanger und hatte ein Kleinkind. Glücklicherweise gab es eine Bar im Ort, in der ich fast jeden Tag war. Mit Kleinkind unterm Arm stürzte ich durch den Regen in diese Bar und sagte: „Mein Mann ist nicht da und mein Keller steht unter Wasser!“ Sofort schickte der Chef seinen Bruder los und während sich seine Frau um unser Kind kümmerte, schippten wir von Hand den Keller leer. Bis mein Mann kam, war alles trocken, nur sein Büro musste er neu einrichten.

Fast noch schöner ist die Geschichte mit der Tür. Wir hatten eine Hochsicherheitstür. Die war unglaublich sicher, jedoch nicht fachgerecht angebracht. Sie war sehr schwergängig und eines Tages, mein Mann war auf Geschäftsreise, ließ sie sich nicht mehr öffnen. Ich war mittlerweile hochschwanger und mit Kleinkind. Das Haus verließ ich die nächsten drei Tage mit Kleinkind und Bauch durchs Fenster, bis ich jemanden gefunden hatte, der die Tür fachgerecht reparierte. Als mein Mann kam, war die Tür wieder wunderbar in Ordnung.

Als Team agierten wir hier nicht. Wie denn auch. Aus Asien oder Amerika und selbst von Deutschland aus hätte er in keiner der Situationen eingreifen können. Zumindest nicht mit unserem Wissensstand zu dem Zeitpunkt. Oft habe ich ihn auch gar nicht informiert oder erst dann, wenn das Gröbste bereits erledigt war. Im Grunde bin ich auch stolz auf mich, dass ich das alles gemeistert habe.

Wie wichtig ist es, das wir die Dinge gemeinsam machen? Wie eng oder wie weit definiere ich die Aufgaben eines Teams?

Heute informiere ich ihn eher, auch wenn etwas nicht in Ordnung ist. Ich traue mich eher, mich ihm zuzumuten, auch mit meinen Unzulänglichkeiten und er hält es besser aus.

Letztens war er wieder auf Geschäftsreise und ich habe den Autoschlüssel verloren. Und wir fanden vorher beide, dass es eine gute Idee ist, wenn er meinen Ersatzschlüssel am Schlüsselbund hat, damit er mir schneller helfen kann, wenn so etwas passiert. Ich dachte mir eine Lösungsstrategie zurecht, rief ihn aber vorher an, um zu hören, ob er noch eine bessere Idee hatte. Hatte er! Statt aufwändig gleich neue Schlüssel zu bestellen, schickte er mir meinen Ersatzschlüssel per Kurier über Nacht. Und zwischendurch schickte er mir liebevolle beruhigende Nachrichten. Am nächsten Morgen um 8 hatte ich den Schlüssel. Bis dahin half uns eine liebe Nachbarin aus.

Wir haben gemeinsam eine gute Lösung gefunden. Aber das ist für mich an dieser Stelle nicht ausschlaggebend. Viel wichtiger ist mir etwas, das ich in einer Harvard-Langzeitstudie gefunden habe, während ich über die Bedeutung des Teams für unsere Ehe nachdachte. Darin wird die Qualität von Beziehungen beschrieben:

„It’s the quality of the relationships–how much vulnerability and depth exists within them; how safe you feel sharing with one another; the extent to which you can relax and be seen for who you truly are, and truly see another.“

Das ist es, was mir im Team-Sein so viel bedeutet: dass ich mich dem anderen zumuten kann, dass ich ehrlich sein kann und dass ich sein kann wie ich bin, auch im Umbruch und auch wenn ich gerade nicht genau weiß, wer ich bin. Auch wenn wir längst nicht alles gemeinsam machen, so sind wir doch mittlerweile ein gutes Team.

Habt einen schönen Tag!

Lilli

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