Miteinander reden, wenn die Zeit dazu fehlt

Liest man Eheratgeber, so scheinen die Aspekte „Zeit miteinander verbringen“ und „miteinander reden“ die entscheidenden Schlüssel zu einer erfolgreichen Ehe zu sein. „Miteinander reden“ wird häufig noch unterteilt in „aktives Zuhören“ und „gewaltfreie Kommunikation“ oder „Kommunikationstechniken zur Konfliktbewältigung“. Doch genau das sind ja die Knackpunkte in einer Ehe, in der mindestens ein Partner viel arbeitet und selten verfügbar ist (z.B. Führungskräfte, aber auch sozial oder kirchlich ehrenamtlich sehr engagierte Personen). Wenn noch Stress für beide Partner hinzukommt, wie zum Beispiel bei einer Entsendung ins Ausland, kann es dazu führen, dass die wenige Zeit, die man zur Verfügung hat, eher zur Verschärfung der Konflikte beiträgt.

Genau das waren die Fragen, die mich dazu bewegt hatten, mich überhaupt umzusehen, wie andere es denn machen und was es an Möglichkeiten für die Stärkung der Ehe gibt, jenseits dieser beiden Ratschläge. Mehr Zeit miteinander zu verbringen ist schlichtweg nicht machbar und miteinander zu reden ist vor dem Hintergrund auch ein gut gemeinter, aber oft nicht wirklich hilfreicher Hinweis.

Ich war fast schon erleichtert, zu lesen, dass auch John M. Gottman das aktive Zuhören und die Kommunikationstechniken zur Konfliktbewältigung als nicht ausschlaggebend für den Erhalt der Ehe bezeichnete.* Zumindest fühlte ich mich verstanden und fand eine Bestätigung für meine persönliche Wahrnehmung.

Dazu finde ich es wichtig, zu wissen, dass Carl Rogers das aktive Zuhören zunächst für die klientenzentrierte Psychotherapie beschrieben hat. Es soll die Basis des Gesprächs zwischen Therapeut und Klient bilden. Wie kann ich aber in einem Ehekonflikt, in dem ich maximal persönlich betroffen bin, die nötige Distanz wahren, um ganz sachlich die Ich-Botschaft meines Gegenübers wahrzunehmen. Das verlangt ziemliche Anstrengungen der Gedanken und Emotionen, während ich doch selbst ein Teil des Konfliktes bin.

Sicherlich ist es schön und hilfreich, wenn man lernt, Ich-Botschaften zu senden, im Streit verständnisvoller zu sein und eher lösungsorientiert zu streiten. Aber es ist an sich schon eine hohe Kunst, die umso schwieriger wird, je mehr man emotional beteiligt ist und je weniger stressfreie Zeit man miteinander verbringt.

Im Referendariat mussten wir in Rollenspielen das aktive Zuhören üben. Vielleicht war das der Grund, warum ich dieser Methode so skeptisch gegenüber stand. Wichtigster Aspekt der Übung war es, mit eigenen Worten das Gesagte des Gegenübers zu formulieren und zurückzuspielen. Mit einem Abstand als Therapeut mag mir das vielleicht gelingen, aber schon in einem einfachen Eltern-Lehrer-Konflikt kommen beiden Parteien die Emotionen in die Quere. Ich habe großen Respekt allen gegenüber, die diese Methode sinnvoll in ihrer Ehe einsetzen können! Aber als Allheilmittel wage ich die Wirkung doch zu bezweifeln.

Ein Aspekt allerdings scheint mir an der Vorgehensweise von Rogers ausschlaggebend zu sein. Dieser Aspekt ist in der Lehramtsausbildung wohl an mir vorbeigegangen. Rogers beschreibt das aktive Zuhören nicht als Methode, sondern als Haltung. Wichtiger als das Wiederholen des Gesagten und das Zurückspielen, ist ihm die Haltung gegenüber seinem Gesprächspartner.

Wichtig sind für Rogers drei Aspekte:

  1. Eine empathische und offene Grundhaltung
  2. Ein authentisches und kongruentes Auftreten
  3. Die Akzeptanz und positive Beachtung der anderen Person

Die Haltung ist es, die den bedeutenden Unterschied in Rogers Methode gemacht hat. Das war das eigentlich revolutionäre, das er in die Gesprächstherapie eingebracht hat: Dem Gesprächspartner grundsätzlich offen und empathisch gegenüber zu sein, sowie die Person positiv zu beachten und zu akzeptieren und selbst ehrlich und authentisch aufzutreten. Das klingt für mich ganz anders als ein systemisches Wiedergeben von bereits Gesagtem. Vor diesem Hintergrund macht auch das Einüben von Ich-Botschaften Sinn.   

Für das grundlegende Problem „wenig Zeit zum Reden“ ergibt sich daraus: Wenn ich an der Stellschraube „Zeit“ nichts ändern kann, kann ich an dem „Wie“ vielleicht etwas ändern. Ich kann als erstes meine Haltung reflektieren: Trete ich meinem Partner verstehend, einfühlsam und offen gegenüber? Wird an meiner Art zu reden sichtbar, dass ich meinen Partner akzeptiere und positiv beachte? Bin ich ehrlich in dem, was ich sage?

Vielleicht wäre manchmal die Reflexion der Haltungen, die hinter dem Gesagten stehen, sinnvoller als das Einüben von Kommunikationsregeln. Was vermittele ich meinem Partner durch mein Verhalten und mein Reden? Kann er aus meinen Bewegungen schließen, dass ich ihm immer noch zugetan bin, ihn bewundere und respektiere? Oder muss er aus meinem Verhalten schließen, dass ich innerlich auf Distanz gegangen bin?  

Dass hinter dem Einüben von Kommunikationsregeln eigentlich die Haltung dem Gesprächspartner gegenüber viel wichtiger ist, scheint nicht nur mir, sondern auch Gottman entgangen zu sein. Er ist der Meinung, das Einüben von Kommunikationsregeln habe keinerlei Auswirkung auf den Erhalt der Ehe, wohl aber die Haltung, mit welcher beide Partner in Interaktion treten. Ein ganzes Kapitel widmet er der Haltung der Ehepartner, auch wenn er es anders nennt. Es ist sogar das zweite seiner Geheimnisse für eine glückliche Ehe: die Zuneigung und Bewunderung, die beide Partner füreinander pflegen. Er verlangt damit sogar noch mehr, als Rogers es getan hat – aber hier geht es schließlich auch um eine Ehe und nicht um ein Therapeutengespräch.

Habt einen schönen Tag!

Lilli

*John M. Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, 2017, S. 18ff.

2 Antworten auf „Miteinander reden, wenn die Zeit dazu fehlt

  1. Jetzt leben wir zwar keine Expatehe, aber mit sechs Kindern finden wir auch nicht immer so viel Zeit zum reden oder für gemeinsame Unternehmungen zu Zweit… 😉
    Früher brauchte ich für ein tiefes Gespräch auch die passenden Umstände/ Ruhe/ Zweisamkeit, aber inzwischen hab ich mich entschieden, meinem Mann mein Herz mitzuteilen, auch wenn wir eigentlich grad keine Zeit und Ruhe dafür haben. Jetzt gibt es öfter mal einen kurzen Austausch ‚zwischen Tür und Angel‘ oder ein paar wichtige Sätze am Frühstückstisch, obwohl die Kinder im Hintergrund lärmen…
    Der Schlüssel ist für mich auch, dass ich mein Herz meinem Mann gegenüber ‚weich‘ und offen halte und mich nicht zurückziehe oder verschließe. Auch wenn die Umstände vll nicht immer optimal sind für Herz zu Herz Begegnungen!

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  2. Liebe Lilli
    Offen auf einen anderen Menschen zuzugehen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass man ihn oder sie mit den jeweiligen Bedürfnissen wahrnimmt und ernst nimmt, ist sicher eine gute Voraussetzung für eine gute Partnerschaft. Gute Kommunikation ist zudem der Schlüssel zur Vermeidung oder Klärung jeglicher Konflikte. Redet miteinander!

    Die schwebende Aufmerksamkeit ist ein bekanntes Element eines jeden Kommunikationstrainings und demnach sehr in Vertriebsorganisationen verbreitet. Anstelle des Partners tritt dann der Kunde, was sicher bedeutend weniger romantisch ist.

    Mein Fazit: Tue Deinem Nächsten Gutes, indem du ihm oder ihr ehrliche Aufmerksamkeit schenkst und hinterfrage vermeintlich klare Aussagen des Senders im Hinblick auf das, was bei dir als Empfänger ankommt. Dann klappt es auch mit dem Nachbarn…😜
    Liebe Grüße, Michael

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