Den Partner und sich selbst kennen

„Es gibt nur wenige bedeutendere Geschenke, die Partner einander machen können, als die Freude, sich verstanden und angenommen zu fühlen.“ (John M. Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, 2017, S. 70)

Gottmans erster Schlüssel zu einer glücklichen Ehe liegt darin, den Ehepartner genau zu kennen. Auch ich möchte gekannt und erkannt werden. Das klingt zunächst nicht so kompliziert. Wenn man genauer hinschaut, ist es aber nicht ganz so einfach. Was ist denn wichtig für mich? Was ist denn wichtig für meinen Partner? Weiß ich, was mich/ was meinen Partner geprägt hat? Hat sich vielleicht seit der Zeit, in der wir uns kennen gelernt haben, etwas verändert? Ereignisse, welche Menschen verändern können, sind beispielsweise die Geburt eines Kindes, der Umzug in ein anderes Land oder der Wechsel in eine andere Branche. Gerade als Expat-Paar nimmt man manchmal gleich alle drei Ereignisse auf einmal mit. Umso wichtiger ist es, sich selbst, aber auch dem Partner gegenüber aufmerksam zu sein. Wenn man den Partner und sich selbst in diesen Veränderungen aufmerksam wahrnimmt, kann man diese Veränderungen gemeinsam erleben und auch innerlich beieinander bleiben.

Einige Fragen könnten helfen, diesen Punkt genauer abzuklären:

1. Triumphe und Kämpfe der Vergangenheit: Worin bestehen meine größten Triumphe und Kämpfe? Worauf in meinem Leben bin ich besonders stolz? Welche Durststrecken musste ich bewältigen? Wie hat beides mein Leben beeinflusst? Wie hat beides mein Bild über mich selbst beeinflusst? Welche Rolle spielt Stolz in unserer Ehe? Wie zeigen wir uns, dass wir stolz aufeinander sind? Möchtest du überhaupt, dass ich diese Aspekte deiner Vergangenheit kenne? Möchte ich, dass du diese Aspekte kennst?

2. Gefühlswelt: Wie wurden in meiner Ursprungsfamilie Gefühle gezeigt? Wie werden in der Familie meines Mannes Gefühle gezeigt? Gibt es Unterschiede? Welche Folgen haben die Unterschiede?

3. Wer möchte ich werden: Wie wäre ich gerne? Wie wärest du gerne? Wie können wir uns dabei unterstützen, der Mensch zu werden, der wir gerne wären?

Das sind eher allgemeine Fragen, um sich als Paar ganz grundsätzlich (neu) kennen zu lernen. Über diese grundsätzlichen Themen haben wir als Paar eigentlich schon ganz viel geredet. Schwieriger finde ich es, in Umbruch-Situationen die Verbindung zu mir selbst zu haben, um zu wissen, was ich überhaupt kommunizieren kann. Vielleicht kann ich ja die grundsätzlichen Orientierungsfragen auch für meine Expat-Situation verwenden?

1. Derzeitige Triumphe und Kämpfe: Worin bestehen meine derzeitigen Kämpfe? Was fällt mir besonders schwer? Welche Triumphe kann ich bereits feiern? Worauf bin ich gerade richtig stolz? Beeinflusst beides mein Bild über mich? Beeinflusst beides gerade mein Leben grundsätzlich? Kann ich zeigen, dass ich stolz auf etwas bin? Wird es gesehen? Wird meine Sicht auf meine Vergangenheit beeinflusst?

Kann ich diese Fragen für meinen Partner beantworten? Worin bestehen derzeit seine größten Kämpfe? Was fällt ihm besonders schwer? Welche Triumphe kann er bereits feiern? Worauf ist er gerade richtig stolz? Wie zeigt er, dass er stolz ist? Habe ich es gewürdigt? Beeinflussen seine Erfolge sein Bild über sich? Wird sein Leben gerade grundsätzlich beeinflusst? Haben die derzeitige Triumphe und Kämpfe so eine große Kraft, dass sie seine Sicht auf die Vergangenheit ändern?

2. Gefühlswelt: Unter Stress tendieren viele Menschen dazu, in ihrem ganz eigenen Ausdruck von Gefühlen extremer zu werden. Manchmal weicht die Art und Weise, wie Gefühle ausgedrückt werden, auch ziemlich von dem ab, wie ein Mensch unter entspannten Bedingungen reagieren würde. Dass die Expat-Situation an sich Stress bedeutet, ist bereits hinlänglich bekannt. Welche Reaktionen, die ich zeige, sind auf meine Expat-Situation zurückzuführen? Zeige ich meine Gefühle anders, als ich es vorher getan habe? Welche Gefühle sind derzeit vorherrschend? Kann ich meine Gefühle benennen? Wie beeinflussen meine Gefühle meinen Umgang mit alltäglichen Situationen? Welche Reaktionen wünsche ich mir von meinem Partner, wenn ich meine Gefühle ausdrücke?

Auf meinen Partner bezogen: Wie drückt mein Partner derzeit vorrangig seine Gefühle aus? Welche Gefühle sind bei meinem Partner vorherrschend? Welche Reaktionen sind auf die Expat-Situation zurückzuführen? Inwiefern hat sich sein Ausdruck von Gefühlen verändert? Welche Reaktionen wünscht sich mein Partner, wenn er seine Gefühle ausdrückt?

3. Wer möchte ich werden: Gerade wenn man alle sozialen Kontakt räumlich aufgibt und in ganz neue Kontexte eintaucht, hat man die Chance, sich selbst neu zu erfinden. Wie wäre ich gerne? Gibt es etwas, das ich bisher nicht gelebt habe, aber gerne ausprobieren würde? Welche Träume hatte ich mal? Kann ich davon etwas jetzt verwirklichen?

Auf meinen Partner bezogen: Wie wärest du gerne? Gibt es Wünsche, die du hattest, aber bisher nicht leben konntest? Tun sich in dieser Situation vielleicht Chancen auf, sich nicht nur beruflich, sondern auch in anderen Bereichen zu entwickeln? Wie können wir uns dabei unterstützen, der Mensch zu werden, der wir gerne wären?

Schwierig finde ich an diesem ganzen Punkt mit der Partner-Landkarte, mir selbst über meine Gefühlswelt, meine Wünsche und Hoffnungen klar zu werden. Die Frage „Was ist denn los?“ ist manchmal gar nicht so einfach zu beantworten. Ebenso finde ich es schwierig, mit der Unsicherheit meines Partners umzugehen, vor allem, wenn ich uns beide bisher eigentlich eher als entschieden und klar erlebt habe (Ok, Schatz, ich nicht immer so ganz ;-). Aber schon die Unsicherheit zuzulassen und auszuhalten ist ein Schritt, der zu mehr Zufriedenheit führt. Wir müssen nicht so sein und so reagieren wie immer. Wir dürfen uns verändern und es aushalten, auch mal nicht zu wissen, was los ist. Was sich aber bereits abzeichnet: Achtsam zu sein für meine Ehe bedeutet auch, achtsam zu sein für mich. Mein Partner kann von mir nur das kennen, was ich raus lasse. Und vielleicht lässt er nur dann etwas raus, wenn ich die richtigen Fragen stelle und aufmerksam bin?

Laut Gottman lohnt es sich, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit einzuüben: „Je mehr Sie voneinander wissen und verstehen, desto leichter ist es, den Kontakt zueinander zu bewahren, wenn es um Sie herum einmal stürmt.“ (John M. Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, 2017, S. 68f.) Aber wer weiß, vielleicht gehört Ihr ja zu den Paaren, denen dieser Punkt in den Schoß fällt? Ich würde es Euch wünschen!

Habt einen schönen Tag!

Eure Lilli

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