Expat-Blues und die Partner-Landkarte (Tipp Nr. 1)

Auf einmal ist alles leergefegt. Mein ganzer Kopf. Und nur mein Herz schlägt wie verrückt. Ich hab den Expat-Blues. Den „Ich will hier weg, weiß aber nicht wohin“-Blues. Er hat sich leise eingeschlichen und will jetzt hier wohnen. Überforderung kann man es auch nennen. Mir fehlt die Zeit zum Ich-Sein. Ständig ist irgendwer krank, jault irgendwer, und ständig gibt es niemanden sonst, der das hier regeln kann. In so viele Richtungen muss ich rennen und hier etwas richten und da etwas nachsehen. Ich frage mich aber, wo ist meine Richtung?

Vogelschwarm im Baum

Es gibt so einfache Fragen, um das herauszufinden: Wenn du auf dem Sterbebett liegst, auf was möchtest du dann zurückblicken? Wenn du alles Geld der Welt hättest und nicht arbeiten müsstest, was würdest du dann tun? Wobei fühlst du dich leicht und frei? Ich weiß es nicht. Nichts davon kann ich beantworten. Leicht und frei fühle ich mich, wenn ich alleine bin, und endlich, endlich keiner jault und irgendwas will. Wenn ich auf dem Sterbebett liege, schließe ich die Augen, und schlafe lange und tief. Arbeiten muss ich nicht. Zumindest nicht für Geld. Dafür aber für Zufriedenheit. Für die Zufriedenheit meiner Kinder zum Beispiel. Oder für die Zufriedenheit meines Mannes, meine ich zumindest immer dann, wenn mich der Expat-Blues packt. Und ich, ich bin zufrieden, wenn alle anderen es sind. Dann schnaufe ich zumindest mal einmal tief durch.

Klingt nicht gut, oder? Irgendwie bedauernswert. Ich will nicht bedauert werden. Stolz will ich meine Wunden davon tragen und in der Einsamkeit lecken und heilen lassen. Ich habe keine Lust mehr auf mein „Ich schaffe das schon“-Hochgefühl. Ich will nicht mehr alles schaffen. Ich will mich in einen schönen Teeladen setzen und einen leckeren Tee trinken. Oder eine heiße Schokolade. Und mein Herz wärmen lassen. Aber Teeläden gibt es hier nicht. Und die heiße Schokolade wird einfach mit Wasser aufgegossen.

Jetzt weiß ich zumindest, warum ich meinen Mann so angeblafft habe. Das hatte nichts mit uns zu tun, sondern mit mir und meinem inneren Chaos. Es war noch nicht mal ein Moment der Wahrheit, wie Jonna ihn hier beschrieben hat. Es war einfach nur Leere im Kopf und Chaos im Herzen. Das war gestern. Und meinen Moment der Wahrheit habe ich erst heute.

Aber eigentlich sollte es ja jetzt mit Gottmans Ehe-Glücks-Geheimnissen losgehen. Der erste von Gottmans Schlüsseln zu einer glücklichen Partnerschaft lautet: „Bringen Sie ihre Partner-Landkarte auf den neuesten Stand“. Das bedeutet, dass beide Partner sich gegenseitig wirklich kennen sollen. Sie sollen möglichst viele Details voneinander kennen und im Alltag berücksichtigen. Gottman beschreibt, dass es viele Ehepaare gibt, die eigentlich nur wenig über einander wissen. Dieses Wissen sei aber die Grundlage einander lieben zu können. Da Menschen sich verändern, ist es für die Beziehung unabdingbar, das Wissen übereinander immer wieder aufzufrischen. Das bedeutet für mich: ich will mir merken, was mein Partner mir erzählt und es dadurch, dass ich es mir merke, wertschätzen. Das fällt mir nicht leicht, ist mein Hirn doch eigentlich nicht so sehr für Details geschaffen. Mein Ausweg aus meinem Detail-Problem war bisher, einfach selbst großzügig zu sein, wenn mein Partner Details, die mich betreffen, vergisst. Ich denke, ich werde es in diesem Jahr an dieser Stelle etwas genauer nehmen und meine Merkfähigkeit trainieren. Mal sehen, was es bringt.

Die andere Seite an diesem Punkt ist, dass ich meinen Partner auf den neuesten Stand bringe, was mich betrifft. Auch das finde ich nicht einfach. Gerade das Expat-Leben besteht aus vielen Veränderungen. Ich verändere mich mit. Ich erlebe und durchlebe unglaublich viele erste Male. Wenn ich meinen Partner auf den neuesten Stand bringen möchte, geht es ja nicht nur um die Lieblingsfarbe. Wichtig ist mir nicht nur, was ich erlebe, sondern wie ich es erlebe und wie es mir dabei geht. Manchmal brauche ich eine Weile, um zu verstehen, was mit mir gerade passiert. Ich brauche etwas Abstand und muss erst reflektieren, was in mir vorgeht, wenn ich meinen Partner daran teilhaben lassen will. Klar kann ich ihm auch mein ganzes Gefühlschaos vor die Füße werfen, er ist schon in der Lage damit umzugehen, aber wirklich hilfreich ist es nicht. Zu schnell werden Anschuldigungen daraus, die eigentlich ganz anders verpackt und adressiert werden müssten.

Garten

Ich finde ihn spannend, den ersten Ehe-Tipp von Gottman. Ich werde mal testen, was mein Mann so über mich weiß und mir überlegen, was er wirklich wissen sollte. Und: mir scheint dieser Punkt gerade in einer Expatehe wichtig zu sein, wenn ohnehin so viel im Umbruch ist.

Was meinst du?

Habt einen schönen Tag!

Lilli

2 Antworten auf „Expat-Blues und die Partner-Landkarte (Tipp Nr. 1)

  1. Eine spannende Frage. Ich habe das Gefühl, gerade hier im Ausland, verändern wir uns monatlich. Weil einfach immer irgendwas Neu ist. Hinzu kommt, dass mein Mann ganz andere Dinge an mir wahrnimmt wie ich an mir bzw. Dinge sieht, die ich nicht sehe. Thema Selbst- und Fremdwahrnehmung. LG, Jana

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    1. Ja, das merken wir auch. Gerade im Ausland verändert sich so viel und ist es so wichtig, einander nah zu bleiben. Und gerade da machen die möglicherweise sehr unterschiedlichen Tagesabläufe, der erhöhte Druck und die viele Ablenkung das nah Sein manchmal schwer. Ich bin so froh, dass wir uns in der Zwischenzeit offensichtlich viel Gutes erarbeitet haben, wovon wir gerade sehr profitieren. Spannend, die unterschiedliche Wahrnehmung. Werde ich mir mal ansehen, ob das bei uns auch so ist.

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