Scheidung im Ausland – Forschungsergebnisse

Hattet ihr ein schönes Weihnachtsfest? Seid ihr noch in Weihnachtsstimmung? Ich möchte euch eure Weihnachtsstimmung wirklich nicht verderben, aber ich habe noch einige Untersuchungsergebnisse gefunden, die ich gerne im „alten Jahr“ lassen möchte. Vor diesem Artikel habe ich mich so ziemlich gedrückt. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mit meinem Expatehe-Artikel immer am Freitag online zu gehen, aber dieses Mal fällt es mir irgendwie schwer, meine Abmachung mit mir selbst einzuhalten. Ich musste immer wieder inne halten, weil mich das, was ich gelesen habe, immer wieder sehr betroffen gemacht hat. Ich versuche es hier möglichst kurz und sachlich wiederzugeben.

Wer über die Ehe im Ausland redet, kommt nicht umhin, auch über Scheidungen zu reden. Nach all meinen Recherchen muss ich sagen, dass es keine Statistik zum Thema Scheidung gibt. Doch was nützt eine Statistik, die besagt, dass es nur zwei Prozent wären, wenn man eben zu diesen zwei Prozent gehört?

Die aktuellste Studie, die ich zum Thema Expatehe gefunden habe, setzt sich mit Gründen für Scheidungen von Expat-Paaren auseinander. Durchgeführt wurde die Untersuchung „Till stress do us part: the couses and consequenzes of expatriate divorce“ von Yvonne McNulty. McNulty stellt fest, dass der Auslandseinsatz signifikante Auswirkungen auf das Familiensystem hat. Sie spricht von Effekten, die sich auf die Einstellung und das Verhalten beider Partner auswirken können. Dazu möchte ich anmerken, dass McNulty hauptsächlich Scheidungen betrachtet, die während des Auslandseinsatzes stattfinden. Scheidungen, die im Anschluss an die Entsendungszeit stattfinden, werden nicht untersucht. In den von ihr verwendeten Fallbeispielen sind es meistens Frauen, die sich von ihren Männern trennen.

McNulty beschreibt den Prozess, der häufig im Vorfeld einer Scheidung zu bemerken ist, als einen Polarisationsprozess. Im Zuge dieses Prozesses werden Konfliktfelder verstärkt angesprochen. Es kommt zu einem schwarz-weiß-Denken und es gibt von zumindest einem der beiden Partner wenig bis gar keine Angebote zu Kompromissen. Eine mögliche Reaktionsweise auf ein derartiges Verhalten in der Partnerschaft ist ein Ausweichverhalten. Während ein Partner immer wieder Konfliktpunkte anspricht, weicht der andere aus, spielt die Konflikte herunter, um sie zu verdecken, und zeigt ausweichende Verhaltensweisen, wie beispielsweise Untreue, die Flucht in noch mehr Arbeit oder Alkohol.

Grundsätzlich führe nicht die Situation im Ausland zur Scheidung. Immer gehe es um mitgebrachte Schwierigkeiten, die sich aber im Ausland verstärken. Ein Katalysator für die mitgebrachten Probleme sieht McNulty in der zweigeteilten Lebensweise der Paare, die sich auch in einem starken Machtgefälle verdeutlichen lassen. Ein Partner hält meistens alle Karten in der Hand: Die Aufenthaltsgenehmigung, die Arbeitserlaubnis, Unterstützung im Job, die Unterbringung ist auf ihn geschrieben, alle Bank-Accounts laufen auf den Arbeitenden und es gibt Netzwerke zur beruflichen und sozialen Integration. Der nicht arbeitende Partner hat weit weniger von diesen Vorteilen, oft sogar nichts von den oben aufgezählten Punkten. Eine Scheidung im Expat-Kontext ist darum auch nicht das Ergebnis einer Wahl zwischen einer schlechten Möglichkeit (nicht tragbare Ehe) und einer besseren Alternative (Freiheit, Möglichkeit zum Neuanfang), sondern die Wahl zwischen zwei „worst-cases“. Im schlimmsten Fall bedeutet eine Scheidung für den nicht-arbeitenden Partner kein Zugriff auf die Konten, Verlust des Aufenthaltsrechts, Verlust der Wohnung und meistens Verlust des Sorgerechts und der Kinder.

Zusätzlich beschreibt McNulty die Expat-Situation als grundsätzlich stressbelastete Zeit. Unsicherheit, ein Mangel an Kontrolle und Ungewissheit seien prägende emotionale Grundstimmungen für beide Partner. Familienroutinen werden aufgebrochen und können nur bedingt fortgesetzt werden. Eingespielte Partner-Rollen werden in Frage gestellt und müssen neu gefunden werden. Wenn ein Partner seine Karriere aufgibt und sich im Ausland hauptsächlich um die Familie kümmert, der andere aber erst richtig mit der Karriere beginnt, müssen die Partner-Rollen neu ausgehandelt oder zumindest emotional verarbeitet werden. Zusätzlich unterliegt der Alltag im Ausland völlig anderen Gesetzmäßigkeiten und andere Prozesse bestimmen das Familienleben. Die Ehe kann in dieser Situation einen Halt bieten, sofern beide Partner über sinnvolle Strategien im Umgang mit Stress verfügen. Tun sie das nicht oder wird der Stress zu stark, können sich Ausgangskonflikte verschärfen, bis dahin, dass eben ein Polarisationsprozess in Gang gesetzt wird. Verhaltensweisen, die im Zuge eines Polarisatzionsprozesses auftreten sind unter anderem auch Untreue, exzessiver Alkoholkonsum, jegliche Form von Missbrauch, häufig Machtmissbrauch im familiären Umfeld, und Workoholismus als Form der Vertuschung der familiären Probleme. Dieses bringt zusätzlichen Stress, der sich über den Stress durch sich ändernde Familienroutinen, die Veränderung der Partner-Rollen sowie die Grenzen und Prozesse des täglichen Lebens im Ausland legen.

Weitere Einflüsse auf die Familien- und Paarkonstellation üben die kulturellen Gegebenheiten vor Ort aus. Der Umgang mit Alkohol und dem anderen Geschlecht werden als Problempunkte hervorgehoben. Was toleriert und erwartet wird, unterscheide sich vor allem in Afrika und Asien stark vom Heimatland (in der Untersuchung zumeist westliche Länder). Untreue und Alkoholmissbrauch werden häufig als Auslöser einer Scheidung gesehen, laut McNulty sind sie jedoch im Polarisierungsprozess nur zwei von vielen Aspekten. Sie plädiert dafür, den gesamten Polarisierungsprozess zu betrachten, wenn nach Unterstützungsmöglichkeiten gesucht wird.

McNulty fordert von dem entsendenden Unternehmen, dass es Verantwortung für die gesamte entsendete Familie übernimmt, bis die Familie wieder ins Heimatland zurückgekehrt ist. Es sollten zudem Informationen von Seiten des Unternehmens zur Verfügung gestellt werden, was auf das Paar zukommt, wie im Falle der Scheidung vorgegangen werden kann und welche Unterstützungsmöglichkeiten es im Gastland für die Ehe gibt.

Am Rande geht McNulty auch darauf ein, wie eine Ehe aussehen muss, dass der Auslandseinsatz für beide Paare gemeinsam gelingt. Sie zitiert einen Interviewpartner, der sagt: „You need a strong marriage to go in – and a husband with a strong character.“ (S. 24) Eine starke Ehe wird als Ehe beschrieben, in der sich die Partner gegenseitig in der Stressbewältigung unterstützen. Diese Ehen zeichnen sich dadurch aus, dass beide Partner bemüht sind, Zeit miteinander zu verbringen. Der arbeitende Partner  versucht möglichst wenig zu verreisen und verbringt seine freie Zeit überwiegend mit Familienaktivitäten. Es zeigt sich also, dass das von Susanne Neumann beschriebene Konzept (Living Apart Together, hier beschrieben), für eine Expatehe außerordentlich ungeeignet ist, wenn es darum gehen soll, die Ehe zu erhalten.

Mein persönliches Resümee: Ich freue mich, dass wir uns offensichtlich nicht in der Sackgasse des Polarisationsprozesses befinden, da wir in unseren Konflikten immer wieder zu einem Konsens oder zu Kompromissen finden. Und es tut gut zu lesen, dass ich nicht einfach nur eine gestresste Ehefrau bin, sondern dass unser Lebensstil tatsächlich in hohem Maß herausfordernd ist. In gewisser Weise ist das ja bereits eine Anerkennung nicht nur des arbeitenden Partners, sondern gerade auch der Leistung der mitreisenden Ehefrau. Und ich frage mich, inwiefern den Schwierigkeiten einer Ehe im Ausland vorbeugend und unterstützend begegnet werden kann. Denn offensichtlich werden die Schwierigkeiten nicht nur von einigen Expats so empfunden, sondern sie liegen als Untersuchungsergebnisse einer Studie vor.

Von Herzen wünsche ich euch ein schönes neues Jahr mit guten Momenten echter Begegnung, mit viel Gemeinsamkeit und Zweisamkeit, die euch und eurer Beziehung gut tut und Kraft gibt, wo auch immer ihr sie braucht.

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Kommt gut ins neue Jahr!

Eure Lilli

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