Ehe unter Druck

Mit diesem Blog möchte ich die Expat-, aber auch die Manager-Ehe in den Blick nehmen, weil ich denke, dass beide Formen eng miteinander zusammenhängen. Zudem habe ich den Eindruck, dass die Ehepartner in beiden Lebensentwürfen in besonderem Maße unter Druck stehen.

Meistens ergibt sich der Druck aus einem Zusammenspiel von innen und außen. Von außen entstehen Anforderungen z.B. durch eine beruflich bedingte sehr begrenzte Freizeit, viele Reisen, Stress durch die hohen Anforderungen der Arbeit oder die Erwartungen Anderer. Von innen sorgen wechselseitige Anforderungen der Partner für Druck, z.B. Erwartungen hinsichtlich der Erfüllung von Bedürfnissen (welche Bedürfnisse sollen in welchem Maß erfüllt werden und wie sollen sie erfüllt werden), aber auch unausgesprochene und vielleicht unbewusste Rollenerwartungen können Druck aufbauen, ebenso bewusst oder auch unbewusst die Ehe schädigende Verhaltensmuster. Diese Liste lässt sich sicherlich fortführen, ich habe jedoch die Punkte genannt, die für eine Manager- und Expat-Ehe naheliegend sind.

cropped-3adf594c-14fc-46ff-8cde-27dad6046aa11.jpeg

Den Begriff Manager-Ehe würde ich nicht nur auf Ehen mit Führungskräften beziehen. Auch wenn ein Partner sehr viel arbeitet und der andere zuhause ist und das Haus, die Kinder und die Sozialkontakte versorgt, würde ich von einer Manager-Ehe sprechen. Die oben genannten Phänomene können also auch Nicht-Manager betreffen. Dazu gehören beispielsweise Menschen, die einen 9 – 5 – Job haben, sich aber ehrenamtlich so stark engagieren, dass man ihnen den Rücken frei halten muss. Auch sie sind für die Ehe und die Familie nur in sehr begrenztem Maße greifbar, ebenso wie Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten, in denen das Engagement für den Beruf und das private Engagement ineinander übergehen, so dass sie eigentlich auch rund um die Uhr außerhalb von Ehe und Familie beschäftigt sind oder sein könnten.

Eine besondere Form der Manager-Ehe ist die Expat-Ehe. Expatriats (oder abgekürzt Expats) leben als von der Firma Entsandte im Ausland und arbeiten dort. Da dieser Schritt häufig mit einem Karriereschritt verknüpft ist, arbeiten die Entsendeten im Ausland meist noch mehr als bereits im Heimatland. Der mitreisende Ehepartner darf ins Gastland häufig nur als Begleitperson einreisen. Das Visum wird nur in Abhängigkeit vom Visum des entsandten arbeitenden Ehepartners ausgestellt und eine Arbeitserlaubnis gibt es nur in wenigen Fällen. Die Diskrepanz zwischen dem, der zur Arbeit geht und dem, der Zuhause bleibt, wird damit noch stärker.

Als mitreisender Ehepartner schlage ich mich mit so weltbewegenden Aufgaben rum, wie: Wo bekomme ich gutes Brot? Welche Milch kommt geschmacklich dem am nächsten, was wir als Milch kennen? Während mein Mann möglicherweise Arbeitsplätze rettet, mit Vertretern aus der Politik verhandelt und zu tollen Dinnerpartys eingeladen ist, kämpfe ich immer noch mit dem Staubsauger oder teste Babysitter. Alltägliche Aufgaben, die in Deutschland quasi nebenbei erledigt werden, können Tage dauern, weil erst mal neue Routinen gefunden werden müssen. Dazu kommt, dass im Ausland das gewohnte Netzwerk weg bricht. Über die medialen Netzwerke und ab einer gewissen Zeitverschiebung kann noch weniger von dem kompensiert werden, was vielleicht in der Ehe fehlt. Die Ehepartner sind auf sich geworfen. Sie müssen alles miteinander aushandeln. Die Bedürfnisse müssen alleine oder zu zweit beantwortet werden. Es kann nichts ausgelagert werden, zumindest ist es schwieriger, etwas auszulagern. Bei meinem Bedürfnis nach Kontakt kann ich mich beispielsweise in Deutschland mit Freunden treffen, meine Eltern besuchen oder mich mit Nachbarn unterhalten. Im Ausland angekommen, muss ich mich zunächst orientieren. Aufgrund der Zeitverschiebung schlafen meine Eltern und Freunde bereits, wenn ich endlich soweit bin, dass ich telefonieren könnte. Die Erzieher im Kindergarten beschäftigen sich gerne und liebevoll mit meinem Kind, wollen aber offensichtlich keinen „privaten“ Kontakt. Small-Talk wird von ihnen vermieden und andere Eltern sieht man nicht, weil sich die Bring- und Abhol-Zeiten über den gesamten Tag erstrecken. Nachbarn sieht man erst recht nicht, da alle Garagen ans Haus angebaut sind. Jeder verschwindet in der Garage und man weiß nicht mal, wer im Auto gesessen hat. Und dann kommt mein Partner müde und gestresst nach Hause und trifft auf mich und mein Bedürfnis nach Austausch. Möglicherweise hatte ich selbst Stress: mit den Kindern, der Suche nach einem guten Kinderarzt oder einfach nach essbarem Brot. Und dann ist es Abend  und ich erwarte, dass mein Mann fröhlich nach Hause kommt und die Kinder übernimmt. In dem Moment prallen unsere unterschiedlichen Alltage aufeinander. Darum denke ich, dass die Expat-Ehe quasi wie eine Manager-Ehe ist, nur in gesteigerter Form. Ich weiß, das ist nicht zwangsläufig so. Manche begleitenden Ehepartner arbeiten auch, manche bauen sich im Gastland etwas ganz neu auf, beispielsweise eine Selbstständigkeit, und manche Paare führen während der Zeit eine Fernbeziehung. Soweit ich bisher jedoch einen Einblick habe, ist die beschriebene Zweiteilung des Alltags für die Mehrzahl der Expat-Ehen die Realität.

Diese Konstellation betrifft übrigens nicht nur durch ein Unternehmen Entsandte, sondern auch Missionars-Ehepaare, die ja auch in gewisser Weise durch einen Arbeitgeber entsandt worden sind. Gerade bei Missionaren geht auch berufliches und privates Engagement noch einmal mehr ineinander über. Ich frage mich, ob es in Ehen von Missionaren ähnliche Konfliktfelder gibt oder ob die gemeinsame Vision etwas im Beziehungsgefüge verändert.

Oft habe ich zu den oben genannten Punkten Problembeschreibungen gefunden sowie den Hinweis, „darüber zu reden“ wäre hilfreich, und falls man nicht weiter komme, solle man sich „Hilfe von außen“ suchen. Aber das ist ja oft genau das Problem. Wann soll man denn reden, wenn der Druck so hoch ist? Und wenn nicht nur Zeit, sondern auch Stress das Problem ist, WIE soll man denn dann reden? Wann ist man denn entspannt genug, um auch noch zuhause schwierige Themen entspannt zu diskutieren? Wenn dann auch noch schwierige Verhaltensmuster in Bezug auf die Gesprächsführung ein Thema sind, führt der Hinweis „darüber zu reden“ sicher nicht ohne weiteres zum Erfolg. Und wenn dann noch Kinder da sind und die ganze Problemkonstellation eben so geartet ist, wann soll man denn da einen Termin finden, um sich überhaupt gemeinsam mit jemandem von Außen ohne Kinder zu treffen? Und dabei entspannt sein? Um dann möglichst selbstreflektiert und verständnisvoll zu reden? Irgendwie führt allein der Hinweis „zu reden“ oder auch „mit jemandem von Außen zu reden“ nicht immer zum Ziel. Reden allein kann nicht die Lösung sein.

Das klingt fast nach vorprogrammiertem Scheitern, aber nur fast. Ist es nämlich nicht zwangsläufig. Die gute Nachricht ist: es gibt Paare, die trotz des Drucks von außen und von innen in ihrer Ehe glücklich sind, vielleicht nicht immer, aber fast immer und: immer häufiger. Fändet ihr es auch spannend, mal einen Blick in eine solche Ehe zu werfen?

Nicht immer wirkt sich das Leben im Ausland so extrem auf die Ehe aus. Es gibt auch andere Beispiele. Manchen Ehen tut der Auslandsaufenthalt richtig gut, Einmischungen von außen fallen weg und die Ehepartner können zusammenwachsen. 

Je mehr ich mich in das Thema vertiefe, desto spannender wird es und desto mehr Forschungsergebnisse finde ich. Ich finde aber auch Besorgnis erregende Artikel und merke, was für ein fragiles Lebenskonzept die Ehe ist, vor allem die Ehe mit einer Führungskraft und dann auch noch im Ausland. Welche Konstellation auch immer man gewählt hat, in allen braucht es den Willen und Kreativität, gemeinsam Strategien zu finden, um mit diesen Herausforderungen umzugehen.

Welche Erfahrungen habt ihr im Ausland gemacht? Habt ihr Strategien gefunden, mit denen ihr besonderen Herausforderungen begegnet?

Ein Bekannter hat mir erzählt, dass er abends immer früher nach Hause gekommen ist, sich Zeit für die Familie und die Ehe genommen hat und sich dann, wenn alle schliefen, noch mal an den Schreibtisch gesetzt hat. Mittlerweile arbeitet er nicht mehr, sagt aber von sich, dass diese Zeit für ihn die wertvollste am Tag gewesen sei und für sich und seine Familie das Beste, was er habe tun können. 

In unserer ersten Expat-Zeit ist uns aufgefallen, wie unterschiedlich unsere Alltage sind. Nein, eigentlich ist es uns erst hinterher bewusst geworden. Sogar unser Vokabular war ganz unterschiedlich. Ich hatte alle Arztbesuchs- und Spielplatzvokabeln. Mein Mann sprach ein ganz anderes Italienisch. Jetzt versuchen wir, den anderen mehr am eigenen Alltag teilhaben zu lassen. Da wir ja aber nicht mehr Zeit zur Verfügung haben als vorher, schicke ich meinem Mann immer wieder Fotos und kleine Videos, wenn wir gerade etwas erleben. Meine Kinder haben mittlerweile auch Spaß daran, WhatsApp-Nachrichten zu verschicken. Sie können noch nicht schreiben, tippen aber verschiedene Bilder zusammen und schicken sie dem Papa. Er schaut irgendwann zwischendurch rein und antwortet kurz in einem Video. So ist er mittendrin und ich muss ihn abends nicht erst auf den Stand bringen, was denn geschehen ist. Wenn wir dann Zeit haben, wenn die Kinder schlafen, können wir über die Dinge reden, die uns wirklich wichtig sind. Für uns ist das zur Zeit eine ganz gute Strategie, die wenige Zeit, die wir haben, für uns zu nutzen und gleichzeitig mehr Zeit „gemeinsam“ zu erleben.

Diese Wege muss man aber suchen. Und man muss vielleicht ein wenig kreativer nach Wegen suchen, als andere. Habt ihr auch Strategien im Umgang mit den Herausforderungen gefunden, die euch und eurer Ehe gut tun? Habt ihr kleine Tipps oder würdet ihr auch aus eurem Alltag erzählen? Ich freue mich, wenn ihr mit mir Kontakt aufnehmt.

Falls ihr nicht bis zum nächsten Freitag auf den nächsten Artikel warten möchtet, könnt ihr zwischenzeitlich im Expatmamas-Blog ein Interview mit mir lesen. 

Habt einen schönen Tag!

Lilli

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s